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Wenn Liebe schwer wird – Erschoepfung in der Demenzbegleitung verstehen

  • leyroutz
  • 1. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Es war einer dieser Sätze, die im Raum hängen bleiben.


„Ich habe letzte Woche gehofft, dass er einfach einschläft und nicht mehr aufwacht.“

Die Frau, die das sagt, ist Anfang fünfzig. Sie pflegt ihren Vater seit drei Jahren. Sie sagt diesen Satz leise. Und gleich danach kommt die Scham.

Sichtbar. Spürbar.

„Was für ein Mensch bin ich, dass ich so etwas denke?“


Vielleicht hast du diesen Gedanken selbst schon einmal gehabt. Vielleicht hast du ihn sofort wieder weggeschoben. Vielleicht hast du ihn nie ausgesprochen.

Und vielleicht ist genau das das Problem.

Denn diese Gedanken sind keine Ausnahme. Sie sind Teil einer Realität, über die wir viel zu wenig sprechen.

Erschöpfung hat viele Gesichter

Die Pflege eines Menschen mit Demenz ist keine einzelne Aufgabe. Es ist ein Zustand. Ein Dauerzustand.


Es gibt keine klaren Pausen. Kein echtes „Feierabend-Gefühl“. Selbst wenn du nicht gerade hilfst, denkst du daran. Planst. Sorgst dich. Kontrollierst.

Das Nervensystem bleibt dauerhaft aktiviert.

Was viele unterschätzen: Erschöpfung entsteht nicht nur durch körperliche Belastung. Sie entsteht vor allem durch emotionale Daueranspannung.

– Du musst ständig reagieren

– Du musst dich immer wieder neu einstellen

– Du wirst nicht mehr erkannt– Du wirst beschuldigt

– Du wirst gebraucht – oft rund um die Uhr


Und gleichzeitig fehlt etwas ganz Entscheidendes: Rückmeldung.

Der Mensch, für den du alles tust, kann dir oft nicht mehr zeigen, dass er es versteht. Oder wertschätzt. Oder überhaupt wahrnimmt.

Das ist eine Form von emotionalem Verlust – mitten in der Beziehung.

Ambivalenz ist kein Fehler – sie ist logisch

In der Psychologie sprechen wir hier von Ambivalenz.

Das bedeutet: Zwei widersprüchliche Gefühle existieren gleichzeitig.


Du liebst diesen Menschen. Und du bist erschöpft von ihm. Du willst helfen. Und du willst weg. Du bist dankbar für gemeinsame Zeit. Und du trauerst um das, was verloren ist.

Beides ist wahr.

Und genau das macht es so schwer auszuhalten.

Viele Angehörige glauben:„Wenn ich so denke, stimmt etwas mit mir nicht.“

Aber das Gegenteil ist der Fall.


Ambivalenz zeigt, dass du emotional beteiligt bist. Dass du reflektierst. Dass du wahrnimmst, was gerade passiert.

Das Problem ist nicht das Gefühl.

Das Problem ist, dass niemand darüber spricht.


Warum Scham so gefährlich ist

Scham führt dazu, dass Menschen sich zurückziehen.

Sie sprechen nicht mehr offen. Sie holen sich keine Unterstützung. Sie versuchen, „stark“ zu bleiben.

Und genau das verstärkt die Erschöpfung.

In deiner Arbeit kennst du das vermutlich auch: Wenn Gefühle keinen Raum bekommen, suchen sie sich einen anderen Weg.

– körperlich (Schwindel, Spannung, Erschöpfung)

– emotional (Reizbarkeit, Rückzug, Überforderung)

– kognitiv (Gedankenkreisen, Schuldgefühle)


Die Aussage „Ich kann nicht mehr“ ist oft nicht das Ende.

Sie ist ein Warnsignal.


Was Angehörige wirklich brauchen

Viele Angebote fokussieren auf Information: Was ist Demenz?

Welche Medikamente gibt es?

Welche Stadien?

Das ist wichtig.

Aber es reicht nicht.

Was Angehörige wirklich brauchen, ist emotionale Entlastung.

– das Gefühl, verstanden zu werden

– die Erlaubnis, widersprüchlich zu fühlen

– konkrete Entlastung im Alltag

– Räume, in denen sie ehrlich sein dürfen


Dein Demenzcafé oder deine Selbsthilfegruppen sind genau solche Räume.

Dort passiert oft etwas Entscheidendes: Menschen merken, dass sie nicht allein sind.

Und plötzlich wird aus Scham Verbindung.

Kleine, aber entscheidende Schritte

Erschöpfung verschwindet nicht einfach. Aber sie kann reguliert werden.

Nicht durch große Lösungen – sondern durch kleine, realistische Schritte:

  • Gefühle benennen

  • Nicht analysieren.

  • Nicht bewerten.

  • Einfach wahrnehmen.


  • „Ich bin gerade müde.“

  • „Ich bin überfordert.“

  • „Ich bin traurig."


  • Ambivalenz zulassen

  • Du musst dich nicht entscheiden, ob du „gut“ oder „schlecht“ bist.

  • Du bist ein Mensch in einer extremen Situation.

  • Mikro-Pausen einbauen

  • Nicht erst warten, bis du zusammenbrichst.

  • 5 Minuten bewusst sitzen. Atmen. Nichts tun.

  • Unterstützung konkret machen


  • Nicht: „Ich brauche Hilfe.“

  • Sondern: „Kannst du am Mittwoch 2 Stunden übernehmen?“

  • Eigene Grenzen ernst nehmen


Du darfst nicht nur für den anderen da sein. Du musst auch für dich da sein.

Ein Satz, den man sich merken darf

Vielleicht ist dieser Satz der wichtigste aus diesem Beitrag:

Du darfst lieben – und gleichzeitig erschöpft sein.

Das eine nimmt dem anderen nichts weg.

Und vielleicht entsteht genau dort, wo du dir das erlaubst, etwas Neues:

Nicht weniger Liebe.

Sondern mehr Ehrlichkeit. Mehr Luft. Mehr Halt.

Und genau das brauchen Angehörige am meisten.


Und vielleicht ist genau das der Moment, an dem du kurz innehältst.

Nicht, weil sich alles sofort verändert.Sondern weil du merkst: So wie es gerade ist, kann es nicht auf Dauer bleiben.

Du musst da nicht allein durch.

In der aktuellen Folge unseres Podcasts „Vergiss dich nicht – der Demenzpodcast“ sprechen wir genau darüber.Über Erschöpfung, über Ambivalenz – und über diese Gedanken, die man sich selbst kaum eingestehen will.

Wir nehmen dich mit in eine Geschichte, die berührt – und gleichzeitig entlastet.Und wir zeigen dir, warum diese Gefühle nichts sind, wofür du dich schämen musst.

Vielleicht ist diese Folge kein „Lösungsweg“.

Aber vielleicht ist sie ein Anfang.

Du findest unseren Podcast auf Spotify und allen gängigen Plattformen.

„Vergiss dich nicht“ – weil auch du zählst.



 
 
 

1 Kommentar


Alexandra Koptik
Alexandra Koptik
01. Apr.

Einfach schön! Aus der Seele gesprochen. Berührend.


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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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