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Ein paar Stunden "Meer" – warum Angehoerige kleine Pausen brauchen

  • leyroutz
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Manchmal beginnt ein Tag ganz anders, als man ihn geplant hat.

Heute Morgen saß ich mit meinem Kaffee am Tisch und hatte eigentlich einen klaren Plan: Befunde fertig schreiben, noch einige Dinge im Garten erledigen, ein produktiver Sonntag. Die To-do-Liste war nicht kurz, und vieles davon wichtig.


Und dann passierte etwas sehr Einfaches: Ich habe beschlossen, es heute anders zu machen.

Statt den Tag zwischen Laptop, Dokumenten und Gartenschere zu verbringen, bin ich ans Meer gefahren. Einfach so. Ein paar Stunden Wind, Wasser und Weite.

Manchmal ist genau das notwendig.

Während ich dort saß und auf das Wasser schaute, musste ich an viele Angehörige denken, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe. Menschen, die jemanden mit Demenz begleiten – oft über Jahre hinweg. Menschen, die unglaublich viel leisten. Die organisieren, erinnern, begleiten, beruhigen, erklären, trösten.

Und die dabei eines fast immer vergessen: sich selbst.

Viele Angehörige leben in einem inneren Dauer-Dienst. Sie sind immer ein bisschen auf Empfang. Immer bereit, falls etwas passiert.


• Vielleicht steht der Vater nachts auf und geht aus dem Haus.

• Vielleicht ruft die Mutter fünfmal am Tag an, weil sie glaubt, etwas vergessen zu haben.

• Vielleicht muss wieder ein Termin organisiert oder ein Formular ausgefüllt werden.


Das Leben wird kleiner, strukturierter und oft dichter.

Und irgendwo dazwischen verschwindet etwas, das eigentlich genauso wichtig wäre: Pause.

Nicht nur fünf Minuten durchschnaufen. Sondern echte Pause.

Eine Pause, in der der Kopf wieder weit werden darf. In der man wieder spürt, dass man selbst auch noch da ist.


Das Meer hat eine besondere Fähigkeit: Es relativiert vieles. Wenn man dort sitzt, merkt man plötzlich, dass nicht alles heute erledigt werden muss.

Dass Befunde auch morgen geschrieben werden können. Dass der Garten auch nächste Woche noch da ist.

Und dass wir Menschen Kraft brauchen, um für andere da sein zu können.

Gerade Angehörige von Menschen mit Demenz tragen oft eine stille Verantwortung. Viele von ihnen fühlen sich, als dürften sie gar nicht aussteigen. Als müssten sie immer funktionieren.

Aber Pflege, Begleitung und emotionale Präsenz sind ein Marathon – kein Sprint.

Wer nie innehält, verliert irgendwann die Kraft.

Deshalb ist eine der wichtigsten Fragen, die ich Angehörigen immer wieder stelle, eine sehr einfache:

Wann haben Sie zuletzt etwas nur für sich gemacht?

Nicht aus Pflicht. Nicht für jemand anderen. Sondern einfach nur für sich.

Ein Spaziergang.

Ein Kaffee mit einer Freundin.

Ein Nachmittag ohne Termine.

Oder – so wie heute – ein paar Stunden am Wasser.


Selbstfürsorge ist kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, langfristig begleiten zu können.

Vielleicht ist dieses Wochenende eine kleine Einladung.

Nicht alles perfekt zu machen. Nicht alles sofort zu erledigen. Sondern bewusst einen Moment zu finden, in dem man wieder auftankt.

Denn wer jemanden mit Demenz begleitet, darf eines niemals vergessen:

Man kann nur so viel Kraft geben, wie man selbst noch hat.

Und manchmal beginnt neue Kraft genau dort, wo wir für einen Moment stehen bleiben, tief durchatmen – und den Blick wieder etwas weiter werden lassen.


Mir hat das Meer heute gutgetan. Die Sonne im Gesicht, das Rauschen der Wellen, die Möwen über dem Wasser – all das hat etwas in mir wieder ruhiger werden lassen. Und jetzt, am Ende dieses Tages, hat auch das Schreiben dieses Artikels gutgetan. Manchmal entsteht aus einem Moment der Pause genau die Kraft, die wir brauchen, um wieder weiterzugehen.


 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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