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Demenz und Delir – wenn zwei Verwechslungen zu einer Katastrophe werden

  • leyroutz
  • 26. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist ein Szenario, das ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe: Eine Familie ruft mich an, aufgewühlt und erschöpft. Die Mutter, die bislang gut zurechtgekommen ist, hat in der vergangenen Nacht ihre Tochter nicht erkannt, war aufgewühlt, hat um sich geschlagen. "Sie wird schlimmer", sagen sie. Und meinen damit: die Demenz. Doch manchmal steckt dahinter etwas ganz anderes – ein Delir.


Demenz und Delir werden häufig verwechselt. Die Folgen dieser Verwechslung können gravierend sein: falsche Behandlung, unnötige Ängste, verpasste Chancen. Deshalb möchte ich heute erklären, was diese beiden Zustände unterscheidet – und warum dieser Unterschied im Alltag so wichtig ist.

Dieses Thema haben Bettina und ich auch in unserem Podcast Vergiss Dich nicht – der Demenzpodcast ausführlich besprochen. Wer lieber hört als liest: einfach reinhören!


Was ist eine Demenz?

Demenz ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Syndrom – ein Bündel von Symptomen, das durch verschiedene Erkrankungen verursacht werden kann. Am häufigsten ist die Alzheimer-Demenz, daneben gibt es vaskuläre Demenzen, die Lewy-Body-Demenz und andere Formen.

Gemeinsam ist allen Demenzen: Sie entwickeln sich schleichend über Monate und Jahre. Das Gedächtnis lässt nach, die Orientierung im Raum und in der Zeit leidet, alltägliche Aufgaben werden schwieriger. Die Persönlichkeit kann sich verändern. Die Betroffenen merken es oft selbst – zumindest in der Frühphase – und das ist mitunter das Schmerzhafteste daran.

Eine Demenz ist chronisch und derzeit nicht heilbar. Was wir tun können: den Verlauf begleiten, Qualität und Würde erhalten, Angehörige stärken.


Was ist ein Delir?

Ein Delir ist etwas grundlegend anderes – auch wenn es von außen ähnlich aussehen kann. Es handelt sich um eine akute Störung des Bewusstseins und der Kognition, die sich plötzlich entwickelt und in ihrem Schweregrad schwankt. Typisch ist: morgens noch relativ klar, am Abend völlig verwirrt.

Die Auslöser eines Delirs sind vielfältig: eine Harnwegsinfektion, ein Flüssigkeitsmangel, eine Medikamenteninteraktion, ein operativer Eingriff, Schmerzen, Schlafentzug oder ein Umgebungswechsel – zum Beispiel ein Krankenhausaufenthalt. Besonders ältere Menschen und Menschen mit bereits bestehender kognitiver Beeinträchtigung sind gefährdet.

Ein Delir kann sich auf zwei Weisen zeigen: als hyperaktives Delir, mit Unruhe, Aggressivität, Halluzinationen – das fällt auf. Oder als hypoaktives Delir, mit Rückzug, Apathie, Schläfrigkeit – das wird viel zu oft übersehen.


Der entscheidende Unterschied im Überblick

Demenz beginnt schleichend und entwickelt sich über Jahre. Das Bewusstsein bleibt lange erhalten, die Symptome sind relativ stabil, auch wenn es gute und schlechte Tage gibt. Beim Delir hingegen verändert sich das Zustandsbild innerhalb von Stunden oder Tagen dramatisch. Der Beginn ist akut. Das Bewusstsein ist getrübt. Und – das ist der entscheidende Punkt – ein Delir ist in vielen Fällen behandelbar und reversibel.

Das bedeutet: Wer ein Delir erkennt und die Ursache behandelt, kann dem betroffenen Menschen oft seine frühere Klarheit zurückgeben. Das ist keine Kleinigkeit. Das kann den Unterschied bedeuten zwischen einem Menschen, der wieder nach Hause geht – und einem, der dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung kommt.


Wenn beides zusammenkommt

Besonders herausfordernd wird es, wenn jemand bereits an Demenz erkrankt ist und zusätzlich ein Delir entwickelt. Das ist keine seltene Kombination – im Gegenteil. Menschen mit Demenz sind besonders anfällig für Delire, weil das Gehirn bereits vulnerabel ist.

In diesem Fall überlagern sich die Symptome. Das Delir kann die demenzielle Grunderkrankung deutlich schlechter aussehen lassen, als sie tatsächlich ist. Angehörige erschrecken, weil der Einbruch so plötzlich kam. Medizinisches Personal greift vielleicht zu schnell zu dem Schluss, die Demenz sei fortgeschritten – und sucht nicht mehr aktiv nach einer behandelbaren Ursache.

Genau hier liegt die Gefahr der Verwechslung. So wie auf dem Foto oben: Der Weg liegt klar da – und trotzdem kann man leicht den Blick verlieren für das, was sich dahinter verbirgt.


Was Angehörige tun können

Sie kennen Ihren Angehörigen am besten. Und das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern echtes Wissen, das in der Diagnostik zählt. Wenn Sie merken, dass jemand sich innerhalb von Stunden oder Tagen dramatisch verändert hat – nicht langsam, nicht schleichend, sondern plötzlich – dann ist das ein Warnsignal.

Fragen Sie: Hat er zuletzt genug getrunken? Gibt es Zeichen einer Infektion – Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen, allgemeine Schwäche? Wurden kürzlich Medikamente geändert? War ein Krankenhausaufenthalt, ein Umzug, ein großes emotionales Ereignis?

Gehen Sie mit diesen Beobachtungen zum Arzt. Sagen Sie konkret: "Das ist neu. Das ist anders als sonst. Das kam plötzlich." Diese Informationen sind diagnostisch wertvoll.


Was ich mir von uns allen wünsche

In meiner Arbeit als klinische Psychologin erlebe ich regelmäßig, wie viel Zeit verloren geht, weil ein Delir nicht als solches erkannt wird. Weil die Verwirrung als "gehört dazu" abgetan wird. Weil niemand genauer hinschaut.

Ich wünsche mir mehr Wissen – bei Angehörigen, in Pflegeeinrichtungen, in Krankenhäusern. Ein Delir ist ein medizinischer Notfall. Es braucht Aufmerksamkeit, Untersuchung, Ursachensuche. Und es braucht Menschen, die den Betroffenen kennen und sagen können: "Das ist nicht normal für sie."


Bleiben Sie im Gespräch

Dieses Thema bewegt viele – und genau deshalb haben Bettina und ich ihm eine eigene Podcast-Episode gewidmet. Sie finden uns bei Vergiss Dich nicht – der Demenzpodcast auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Für den direkten Austausch sind wir auf Facebook unter Vergiss Dich nicht und auf Instagram unter @vergissdichnicht_demenzerreichbar. Fragen, Gedanken, eigene Erfahrungen – alles herzlich willkommen.


Haben Sie dieses Thema schon selbst erlebt – bei einem Angehörigen oder in der eigenen Arbeit? Ich freue mich über Ihre Kommentare.


 
 
 

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1 Kommentar


judith.glueck
26. Apr.

Wenn ich das nur früher gewusst hätte ... Ich denk jetzt viel darüber nach, wie schnell sich der Zustand meiner Mama verschlechtert hat. Das Gedächtnis war ja schon lang schlecht, aber jetzt vor einem Jahr ungefähr ist es losgegangen mit Halluzinationen und "Schüben", aus jetziger Sicht war es zweimal ein Medikament, einmal vielleicht eine Blasenentzündung und vor allem aber eine viel zu späte Entzündung im Kiefer ... Sie waren die erste, die von Delir gesprochen hat, aber mit 88 und bestehender Demenz kommt man da halt leider nicht mehr sehr gut raus...

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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