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Fortgeschrittene Demenz - Wenn Worte fehlen

  • leyroutz
  • vor 7 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

was bleibt, wenn Sprache nicht mehr trägt?


Herr Maier dreht den Kopf weg, als der Teller vor ihm abgestellt wird. Seine Lippen ziehen sich leicht nach unten, ein flüchtiger Ausdruck von Abwehr huscht über sein Gesicht. Für einen kurzen Moment wirkt es, als wäre ihm etwas zuwider.„Er mag heute einfach nicht“, sagt jemand. „Oder er ist wieder schwierig.“


Doch was hier als Ablehnung oder gar Ekel gelesen wird, ist oft etwas ganz anderes.

Menschen mit Demenz verlieren nach und nach die Fähigkeit, ihre Körpersignale zu steuern. Mimik und Gestik werden unmittelbarer, roher, ungefilterter. Ein Gesichtsausdruck entsteht nicht mehr angepasst an soziale Erwartungen, sondern folgt direkt dem inneren Empfinden.


Das Wegdrehen des Kopfes kann bedeuten:– Es ist mir zu laut.Ich bin überfordert.Ich brauche einen Moment.


Ein angespannter Mund oder ein verzogenes Gesicht kann Ausdruck von Unsicherheit sein – nicht von Abneigung. Für uns wirkt es manchmal wie Ekel, Ärger oder Trotz. Für den Betroffenen ist es ein automatisches Signal des Nervensystems: Stopp, das ist gerade zu viel.


Das Problem liegt selten in der Körpersprache selbst, sondern in unserer Interpretation. Wir lesen sie mit unseren Maßstäben, mit unserer Fähigkeit zur Selbstregulation. Der demenziell veränderte Mensch hat diese Möglichkeit oft nicht mehr.


Wenn wir dann schneller werden, lauter sprechen oder insistieren, verstärken wir ungewollt den Stress. Der Körper reagiert mit noch mehr Abwehr.


Wie könnte es anders gehen?

Die Pflegekraft setzt sich neben Herrn Maier. Nicht von oben, nicht im Vorbeigehen. Sie wartet, bis er den Kopf wieder ein kleines Stück hebt. Ihre Stimme ist ruhig. Kein Erklären, kein Drängen. Nur Präsenz.

Sie bringt sich auf Augenhöhe. Der Teller bleibt zunächst stehen. Erst als Blickkontakt entsteht, schiebt sie ihn langsam näher. Herr Fritz entspannt die Schultern. Er greift nach dem Besteck.


Was hier wirkt, ist kein Trick. Es ist Beziehung.

Körpersprache braucht Zeit. Sie braucht Resonanz. Und sie braucht Menschen, die bereit sind, nicht sofort zu handeln, sondern zuerst zu verstehen.

Wenn Worte fehlen, spricht der Körper. Unsere Aufgabe ist es, ihm zuzuhören – ohne ihn zu korrigieren.


Reflexionsfragen

  • Welche Körpersignale interpretiere ich spontan als Ablehnung oder Widerstand?

  • Könnte dieses Verhalten auch Überforderung oder Schutz ausdrücken?

  • Wie verändert sich die Situation, wenn ich mich auf Augenhöhe begebe und einen Moment warte?


 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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