top of page

Zwischen Innenwelt und Außenblick

  • leyroutz
  • vor 2 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit
wenn niemand wirklich sieht, wie es ist

Heute hatte ich ein sehr berührendes Gespräch mit einer pflegenden Ehefrau. Ihr Mann ist mittelschwer dement. Der Verlauf ist eindeutig fortschreitend. Und dennoch ist sein Alltag geprägt von Ruhe, Struktur, Fürsorge und liebevoller Begleitung.

Er war immer ein ruhiger, angepasster Mensch, erzählt sie. Pflegeleicht. Auch jetzt. Kein Widerstand, keine Aggression, kein laut sichtbares Leiden. Er nimmt an, was geschieht.

Und sie sorgt. Mit beeindruckender Konsequenz. Bewegung. Gesunde Ernährung. Tagesstruktur. Aktivierung. Nähe. Sicherheit. Und etwas, das oft übersehen wird: Sie versucht, ihm weiterhin Sinn zu ermöglichen. Ein Gefühl von Bedeutsamkeit. Von Dasein dürfen. Von Leben – trotz allem.


Es ist eine sehr aufmerksame, reflektierte und warmherzige Frau. Eine, die viel möglich macht für ihren Mann. Und doch stand heute etwas ganz anderes im Zentrum unseres Gesprächs.

Nicht die Pflege. Nicht die Belastung. Sondern die Wahrnehmung von außen.


Zwei Erlebnisse – und viel Verunsicherung

Sie erzählte von zwei Situationen, die sie tief beschäftigt haben.

Die erste ereignete sich in einer Selbsthilfegruppe. Eine Teilnehmerin fragte sie nach der Pflegestufe ihres Mannes. Und plötzlich bemerkte sie etwas, das sie selbst verunsicherte: Sie hatte das Gefühl, ihn dort besser darzustellen, als er tatsächlich ist.


Als würde sie seine Situation beschönigen. Als würde sie seine Einschränkungen milder schildern. Als würde sie ein Bild zeigen, das nicht ganz der Realität entspricht.

Nicht bewusst. Nicht absichtlich. Aber spürbar.


Die zweite Situation kam aus ihrem privaten Umfeld. Eine gute Freundin sagte zu ihr:„Du siehst ihn schlechter, als er ist.“


Zwei gegensätzliche Rückmeldungen. Einmal wirkt er „zu gut dargestellt“. Einmal wirkt er „zu schlecht gesehen“.

Und in beiden Momenten geschieht etwas Entscheidendes: Außenstehende erleben nicht die Realität, die sie täglich lebt.

Das verunsichert.


Denn wenn niemand wirklich sieht, wie es ist – wo bleibt dann die eigene Wahrnehmung?Wie sicher kann man sich selbst noch sein?

Die Unsichtbarkeit des Alltags


Demenz ist nicht immer spektakulär. Nicht immer laut. Nicht immer offensichtlich.

Vor allem dann nicht, wenn jemand liebevoll, strukturiert und stabil begleitet wird.

Viele Einschränkungen zeigen sich nur im Alltag. In den kleinen Abläufen. In den Übergängen. In den Entscheidungen, die nicht mehr getroffen werden können. In der Orientierung, die nur noch mit Unterstützung gelingt. In der ständigen inneren Wachsamkeit der pflegenden Person.

Außenstehende sehen oft nur Ausschnitte. Kurze Begegnungen. Einzelne Momente. Oberflächen.

Sie sehen nicht: die permanente Verantwortung

die vorausschauende Strukturierung

die stille Kompensationdie

emotionale Dauerpräsenz

die Anpassung an kleinste Veränderungen


Sie sehen nicht die Realität, die zwischen den sichtbaren Momenten liegt.

Und genau das kann die Wahrnehmung der Angehörigen erschüttern.

Wenn andere es anders sehen – wer hat dann recht?


Für pflegende Angehörige ist die eigene Wahrnehmung ein zentrales Orientierungsinstrument. Sie erleben den Verlauf. Sie spüren Veränderungen. Sie erkennen Nuancen, die anderen entgehen.

Wenn dieses Erleben von außen relativiert oder anders interpretiert wird, entsteht leicht Verunsicherung.


Vielleicht übertreibe ich? Vielleicht dramatisiere ich? Vielleicht sehe ich es falsch?

Doch diese Zweifel entstehen oft nicht, weil die Wahrnehmung ungenau ist – sondern weil die Realität komplex ist und von außen nicht vollständig erfassbar.


Die Kraft einer Überschrift

Am Ende unseres Gesprächs bat ich sie, dieser Stunde eine Überschrift zu geben. Ein Wort, das zusammenfasst, worum es heute im Kern ging.

Sie zögerte nicht lange.

„Eindeutig.“

Und dann fügte sie hinzu: „Ich – und mein Bild von mir.“

Dieser Moment war sehr klar.

Es ging nicht mehr nur um die Erkrankung ihres Mannes. Es ging um ihre eigene innere Orientierung. Um das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Um die Erlaubnis, die Realität so zu sehen, wie sie sich tatsächlich zeigt.


Eindeutig bedeutet hier nicht, dass alles leicht ist. Es bedeutet: Ich weiß, was ich erlebe. Ich darf meiner Erfahrung trauen. Ich darf meine Realität ernst nehmen.

Das ist eine stille, aber kraftvolle Form von Selbstverankerung.

Ein würdevoller Blick auf Begleitung


Was mich an diesem Gespräch besonders berührt hat, war die Qualität ihrer Haltung. Keine Verbitterung. Keine Abwehr. Keine starre Gewissheit.

Sondern Reflexion. Offenheit. Wahrnehmung. Liebe.

Sie begleitet ihren Mann mit großer Hingabe. Sie gestaltet seinen Alltag mit Sorgfalt. Sie schützt, was noch möglich ist. Und gleichzeitig stellt sie sich ehrlich den Fragen, die diese Situation in ihr auslöst.


Das ist keine kleine Leistung.

Denn pflegende Angehörige müssen nicht nur mit der Erkrankung umgehen. Sie müssen auch mit den Blicken, Bewertungen und Missverständnissen der Umwelt leben. Und mit der Aufgabe, sich selbst dabei nicht zu verlieren.

Vielleicht liegt genau darin eine der stillsten Herausforderungen von Demenzbegleitung:

Die eigene Realität klar zu sehen – auch wenn andere sie nicht vollständig erkennen können.

Und sich selbst dabei treu zu bleiben.

Diese Stunde war ruhig. Tief. Und sehr menschlich.

Mit einer Frau, die viel möglich macht für ihren Mann. Und die zugleich lernt, ihr eigenes Erleben eindeutig ernst zu nehmen.

Ein sehr stiller – und sehr kraftvoller Prozess.


An dieser Stelle möchte ich mich von Herzen für das Vertrauen bedanken, das mir in diesem Gespräch entgegengebracht wurde – und für die ausdrückliche Zustimmung, diese Erfahrung hier teilen zu dürfen.

Solche Begegnungen sind ein Geschenk. Sie zeigen, wie viel Tiefe, Würde, Reflexionskraft und Liebe in der Begleitung eines Menschen mit Demenz liegen kann. Und wie viel innere Arbeit, Klarheit und Menschlichkeit darin steckt, diesen Weg bewusst zu gehen.

Genau deshalb liebe ich meine Arbeit. Weil ich Menschen begegnen darf, die mit so viel Hingabe, Stärke und Feinfühligkeit begleiten. Menschen, die bereit sind hinzuschauen, zu fühlen, zu reflektieren – und trotz aller Herausforderungen Beziehung und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen.

Diese Begegnungen berühren, lehren und erinnern mich immer wieder daran, worum es im Kern wirklich geht.

Danke für dieses Vertrauen.


 
 
 

PER E-MAIL ABONNIEREN

Danke für die Nachricht!

© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

bottom of page