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„Was bleibt zwischen Mutter und Sohn – Gedanken nach: Die guten Jahre“

  • leyroutz
  • vor 5 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Heute um 11 Uhr Mittag saßen wir im ausreservierten Volkskino in Klagenfurt. Die guten Jahre. Ein Film, der nicht erklärt, sondern zeigt. Der nicht urteilt, sondern aushält. Und der dort berührt, wo Worte oft nicht mehr ausreichen.


Kein lautes Drama, keine schnellen Lösungen. Stattdessen Bilder, Pausen, Blicke – und eine Beziehung, die sich neu ordnen muss.

Es ist die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes. Die Mutter leidet an einer Demenz. Sie kann nicht mehr alleine sein. Die Sicherheit des Alltags bröckelt, Orientierung geht verloren. Und so zieht der Sohn wieder ins Elternhaus – zurück in sein altes Kinderzimmer.


Der Sohn ist 53 Jahre alt. Nach einem Krankenhausaufenthalt mit Intensivstation und künstlicher Beatmung ist auch sein Leben aus der Balance geraten. Seitdem kämpft er mit Ängsten, Depressionen und Panikattacken. Die Welt ist für ihn unsicher geworden. Rückzug ist kein Rückschritt, sondern ein Überlebensmodus.

Zwei Menschen, beide verletzlich. Auf unterschiedliche Weise. Und doch aufeinander angewiesen.


Was dieser Film mit großer Sensibilität zeigt, ist keine klassische Pflegesituation. Es ist ein leiser, oft wortloser Aushandlungsprozess. Wer sorgt für wen? Wer hält wen? Und wie gelingt Nähe, wenn beide selbst Halt brauchen?

Besonders berührend ist, wie stark die Beziehung auch nonverbal erzählt wird. Ein Blick, der Orientierung sucht. Eine Geste, die beruhigt. Ein gemeinsames Schweigen, das mehr sagt als jede Erklärung. Die Mutter erkennt nicht immer, was ist – aber sie spürt, wer da ist. Der Sohn kann nicht immer stark sein – aber er bleibt.


In der anschließenden Diskussion mit dem Regisseur Reiner Riedler und dem Fotografen Gerhard Maurer vom Raum für Fotografie und mir, wurde deutlich, wie bewusst diese Zurückhaltung gewählt wurde. Keine Pathologisierung. Keine Etiketten. Stattdessen Respekt vor der Würde beider. Das Publikum war tief beeindruckt.


Für mich hat dieser Film eine tiefe Verbindung zu meiner Arbeit mit Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Denn genau diese Konstellationen begegnen mir häufig: Wenn nicht nur eine Person Unterstützung braucht. Wenn Pflege nicht einseitig ist. Wenn Beziehungen zu tragenden Räumen werden – nicht, weil alles gut ist, sondern weil man einander nicht fallen lässt.

Die Mutter-Sohn-Beziehung in Die guten Jahre ist keine romantisierte. Sie ist manchmal schwer, manchmal still, manchmal unbequem, manchmal humorvoll. Und gerade deshalb so wahr. Sie zeigt, dass Fürsorge nicht immer Handlung bedeutet. Manchmal ist sie Präsenz. Aushalten. Bleiben.

Vielleicht liegt darin eine leise, aber wichtige Botschaft: Dass Abhängigkeit nicht das Ende von Würde ist. Dass Fürsorge auch gegenseitig sein kann.Und dass Liebe sich manchmal dort zeigt, wo niemand hinschaut.


Nach dem Film war es still. Diese besondere Stille, die bleibt, wenn etwas berührt wurde, das tiefer geht als Worte. Ich war tief emotional berührt und es war nicht leicht Worte zu finden. Danach dachte ich: Es sind vielleicht nicht die „guten Jahre“, die uns tragen. Sondern die Beziehungen, die uns halten – gerade dann, wenn das Leben fragil wird.



Reflexionsfragen

  • Wie verändert sich Beziehung, wenn beide Seiten Unterstützung brauchen?

  • Wo erlebe ich Fürsorge als gegenseitig – nicht als Einbahnstraße?

  • Was bedeutet Würde für mich im Kontext von Demenz und Abhängigkeit?



 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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