Die Stimme der Betroffenen – Wie man Menschen mit Demenz im Arztgespraech einbezieht
- leyroutz
- 16. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Nach dem gestrigen Thema – lohnt sich heute der Blick auf die andere Seite: die Stimme der Betroffenen. Denn so sehr Angehörige manchmal versuchen, niemanden zu verletzen, so wichtig ist es, dass Menschen mit Demenz nicht zu Statisten in ihrem eigenen Gesundheitsgespräch werden.
Ich erlebe es oft: Eine Person sitzt im Arztzimmer, leicht angespannt, vielleicht verwirrt, vielleicht müde. Und rundherum reden alle über sie. Über Symptome, über Veränderungen, über Sorgen. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus Unsicherheit. Man will helfen, man will erklären, man will alles „richtig machen“.
Doch in diesem Moment geschieht etwas Wesentliches: Der Mensch rutscht aus dem Mittelpunkt.
Dabei ist die Stimme der Betroffenen – egal wie leise, wie fragmentiert, wie zögerlich – ein zentraler Teil jeder Diagnostik. Es geht nicht nur darum, wie jemand funktioniert, sondern auch darum, wie er sich selbst erlebt. Was Angst macht, was überfordert, was gelingt. Diese Selbstwahrnehmung bleibt oft überraschend lange erhalten und verdient Raum.
Es beginnt schon beim Betreten des Behandlungsraumes: Begrüßung, Blickkontakt, eine direkte Frage an die betroffene Person – nicht über ihren Kopf hinweg, sondern an sie gerichtet. Auch wenn die Antwort kurz ist oder aus einem Nicken besteht: Sie zeigt Haltung, Beteiligung, Würde.
Für Angehörige kann das herausfordernd sein, besonders wenn vieles im Alltag übernommen wird. Doch Betroffene einzubeziehen heißt nicht, alles selbst beantworten zu müssen. Es heißt, ihnen den ersten Schritt zu lassen. Und erst dann behutsam zu ergänzen.
Hilfreich sind kleine, einfache Fragen: „Wie geht es Ihnen heute?“ „Was fällt Ihnen in letzter Zeit schwer?“ „Was wünschen Sie sich?“ Das klingt schlicht – aber es macht einen Unterschied. Wer gefragt wird, bleibt sichtbar.
Ein weiterer Punkt: Tempo. Menschen mit Demenz brauchen oft ein paar Sekunden mehr, um Antworten zu formulieren. Diese Pausen auszuhalten ist eine Form von Respekt. Oft kommen genau in diesen Momenten die ehrlichsten Sätze, manchmal auch humorvolle.
Angehörige können unterstützen, ohne zu dominieren. Zum Beispiel indem sie sagen: „Wenn du magst, ergänze ich etwas.“ Oder: „Soll ich erzählen, wie es zuhause war?“ So bleibt die betroffene Person in Kontrolle und spürt, dass es um Beteiligung geht, nicht um Bewertung.
Viele sagen mir nach der Stunde: „Danke, dass Sie mich direkt angesprochen haben.“ Dieser Satz zeigt, wie tief die Sehnsucht nach Autonomie bleibt – auch wenn kognitive Fähigkeiten nachlassen.
Ein gutes Arztgespräch ist nicht nur Informationsaustausch. Es ist Beziehung. Und Beziehung beginnt damit, Menschen mit Demenz nicht zu überhören – sondern bewusst in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht als Diagnose. Als Person.








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