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Eine Geschichte, die so viele kennen – und die wir jetzt erzählen.Sie heißt Auguste.

  • leyroutz
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Auguste ist 86 Jahre alt. Sie wohnt in einem kleinen Haus mit Garten, die sie seit Jahrzehnten kennt – jeden Winkel, jeden Geruch, jede Schublade. Sie hat drei Kinder großgezogen, einen Haushalt geführt, Geburtstage im Kopf behalten, für alle gesorgt. Auguste war die Person, die wusste, wo alles ist. Die Person, die man angerufen hat, wenn man nicht weiterkam.

Vor sechs Jahren ist ihr Mann gestorben.

Seitdem lebt sie allein. Die Kinder rufen an, kommen zu Besuch, sorgen sich – jeder auf seine Art, jeder so gut er kann. Aber Auguste ist eine Frau, die Unabhängigkeit kennt und schätzt. Die nicht gerne Hilfe annimmt. Die sagt: Mir geht es gut. Ich komme zurecht.

Und eine Zeit lang stimmte das auch.

Jetzt vergisst sie Dinge.

Kleine zuerst. Wo der Schlüssel liegt. Ob sie heute schon gegessen hat. Ob sie die Tochter schon angerufen hat – obwohl sie es vor einer Stunde getan hat. Dann größere Dinge. Namen. Termine. Gesichter, die ihr vertraut sein sollten.

Und manchmal – nicht immer, aber immer öfter – steht sie in der Küche und weiß mit absoluter Sicherheit: Jemand hat ihre Brieftasche gestohlen. Jemand räumt ihre Sachen weg, wenn sie nicht aufpasst. Jemand belügt sie.

Diese Person ist ihre Tochter Christine.

Auguste hat noch keine Diagnose. Niemand hat ihr bisher erklärt, was in ihrem Gehirn passiert. Sie selbst würde sagen: Ich bin nur manchmal ein bisschen durcheinander. Das kennt man ja, wenn man älter wird. Und ihr Mann ist ja auch erst vor sechs Jahren gegangen – das geht einem nach, das ist doch normal.

Ihre Tochter Christine sieht das anders.

Sandra ist das mittlere Kind. Sie wohnt am nächsten, also fährt sie am häufigsten. Sie ruft täglich an, organisiert, sorgt, macht sich Sorgen – und fährt manchmal nach Hause mit Tränen im Gesicht und dem Gefühl, dass sie es trotzdem nie richtig macht. Dass sie immer angeklagt ist. Dass ihre Mutter, die sie kennt, gerade stückchenweise verschwindet. Und dass ihre Geschwister das nicht so sehen wie sie. Dass sie allein damit ist. Dass niemand wirklich versteht, wie sich das anfühlt.

Auguste und Christine sind nicht real.

Aber ihre Geschichte ist es.


Wir kennen diese Geschichte. Christine aus der Diagnostik, aus den Angehörigengesprächen, aus den Stunden, in denen Menschen ihr gegenübersitzen und sagen: Ich weiß nicht mehr, wie ich mit ihr reden soll. Bettina aus der Pflege, aus den Momenten, in denen ein Mensch mit Demenz sie angeschaut hat wie eine Fremde – und fünf Minuten später wie eine alte Bekannte.

Diese Geschichte wird hundertfach gelebt. In Kärnten, in Wien, in kleinen Dörfern und großen Städten. Von Töchtern und Söhnen, von Menschen, die sich allein fühlen mit etwas, das schwer in Worte zu fassen ist. Von Geschwistern, die unterschiedlicher Meinung sind. Von älteren Menschen, die spüren, dass etwas nicht stimmt – und es trotzdem nicht wahrhaben wollen.


Deshalb erzählen wir sie.

Auguste wird uns in den nächsten Wochen und Monaten begleiten – hier im Blog auf damalswieheute.com, auf Instagram, auf Facebook, auf YouTube und im Podcast Vergiss Dich nicht. Wir zeigen, wie ihre Geschichte sich entwickelt. Wie die ersten Anzeichen aussehen, die man so leicht übersehen kann – oder übersehen will. Wie das Gespräch mit dem Arzt zustande kommt – oder eben nicht. Was eine Diagnose bedeutet, was sie auslöst, was sie in einer Familie verändert. Und wie Sandra lernt, mit ihrer Mutter zu reden, ohne sich dabei selbst zu verlieren.


Wir machen das nicht, weil wir Geschichten erfinden wollen.

Wir machen das, weil Fakten allein nicht reichen. Weil man manche Dinge nur verstehen kann, wenn man sie erlebt – oder zumindest erlebt, wie sie sich anfühlen könnten. Weil viele Menschen erst dann Hilfe suchen, wenn sie sich in jemandem wiedererkennen. Und weil Auguste vielleicht die Person ist, in der sich jemand wiedererkennt, der das bisher nicht in Worte fassen konnte.


Den Anfang macht Folge 12 unseres Podcasts: Validation to go.

Christine und Bettina sprechen über fünf Situationen, die Angehörige täglich erleben – Diebstahlsvorwürfe, Arzt-Verweigerung, Vorwürfe, Daueranrufe, direkte Beschuldigungen. Und darüber, was in diesen Momenten wirklich hilft. Nicht als Theorie. Sondern so, wie es Christine  mit ihrer Mutter Auguste brauchen würde.

Wie es weitergeht mit den beiden?

Das erfahrt ihr hier. Bleibt dabei.


 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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