Er will doch nur nach Hause – was hinter dem Weggehen bei Demenz steckt
- leyroutz
- vor 2 Tagen
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Karl steht um vier Uhr morgens angezogen an der Wohnungstür. Er will zur Arbeit, sagt er, die Kollegen warten. Seine Frau versteht die Welt nicht mehr, Karl ist seit zwölf Jahren in Pension.
Was viele als Weglaufen bezeichnen, nennt sich in der Fachsprache treffender Hinlauftendenz. Der Unterschied ist wichtig. Karl läuft nicht ziellos weg, er läuft zu etwas hin, zu einer inneren Realität, die für ihn in diesem Moment genauso gültig ist wie die tatsächliche.
Was hinter dem Drang steckt
Mehrere Ursachen verbinden sich häufig. Innere Zeitverschiebung, bei der ein früheres Lebensjahrzehnt gegenwärtig wirkt. Unruhe und der Drang, sich zu bewegen, wenn der Tag nicht ausreichend Struktur bietet. Die Suche nach etwas oder jemandem, oft nach einem verstorbenen Elternteil oder einem alten Zuhause. Und manchmal schlicht Überforderung durch eine Umgebung, die gerade zu viel wird.
Wichtig zu verstehen ist, dass hinter der Hinlauftendenz fast immer ein Bedürfnis steckt, kein Fluchtinstinkt vor der aktuellen Situation. Karl will nicht von seiner Frau weg, er will zu seiner Arbeit hin, in eine Zeit, in der er sich gebraucht und kompetent gefühlt hat.
Was in der Praxis hilft
Statt die Tür zu blockieren, hilft es oft, das Bedürfnis hinter dem Wunsch aufzugreifen. Ein Gespräch über die Arbeit, bevor man gemeinsam beschließt, dass es heute noch zu früh ist. Tagesstruktur mit sinnvollen Aufgaben kann den Bewegungsdrang auffangen, bevor er sich als Fluchtimpuls äußert. Manchmal hilft ein Spiegel an er Türinnenseite, dass die Tür nicht mehr als Tür erkennbar ist.
Sicherheitsmaßnahmen bleiben trotzdem notwendig, dazu gehört die konkrete Absicherung der Wohnung, über die wir im nächsten Beitrag sprechen. Aber die wichtigste Erkenntnis bleibt: Wer weggeht, sucht fast immer etwas, keinen Ausweg. Diese Unterscheidung verändert, wie Angehörige reagieren können, von Panik zu einem Verständnis, das den Menschen hinter dem Verhalten sieht.
Wohnung und Umgebung sicher gestalten
Sicherheit entsteht selten durch ein einzelnes großes Umbauprojekt, sondern durch viele kleine, durchdachte Veränderungen. Für Angehörige, die mit der Sorge leben, dass ein Sturz oder ein unbemerktes Verlassen der Wohnung passieren könnte, sind diese Maßnahmen oft die wirksamste Form von Entlastung.
Stolpern und Stürze vermeiden
Lose Teppiche und Kabel gehören zu den häufigsten Sturzursachen und lassen sich meist mit wenig Aufwand entfernen oder fixieren. Gute, blendfreie Beleuchtung, besonders in Fluren und auf dem Weg zur Toilette, reduziert nächtliche Stürze erheblich. Haltegriffe im Bad und WC geben Sicherheit, ohne dass sich die Person eingeschränkt fühlen muss.
Die Tür als sensibler Punkt
Bei bestehender Hinlauftendenz braucht die Wohnungstür besondere Aufmerksamkeit. Eine zusätzliche Sicherung oberhalb der üblichen Augenhöhe wird oft übersehen, weil sie nicht dem gewohnten Blickfeld entspricht. Bewegungsmelder mit leisem Signal informieren Angehörige, ohne die betroffene Person zu erschrecken oder zu bevormunden.
Orientierung durch Gestaltung
Kontrastreiche Markierungen an Treppenstufen erleichtern die Einschätzung von Höhen. Klare, große Beschriftungen an Türen, etwa mit einem Foto statt nur einem Wort, unterstützen die Orientierung länger als reine Textschilder. Vertraute Gegenstände an gewohnten Plätzen zu belassen, wirkt oft stabilisierender als jede Umbaumaßnahme.
Gefahrenquellen entschärfen
Herd und Elektrogeräte lassen sich mit Abschaltautomatiken sichern, ohne dass die Küche ihren vertrauten Charakter verliert. Medikamente und Reinigungsmittel gehören außer Reichweite, gerade wenn Verwechslungsgefahr besteht.
Keine dieser Maßnahmen macht die Wohnung zu einem Krankenhaus. Ziel ist immer, so viel Vertrautheit wie möglich zu erhalten und gleichzeitig die Risiken zu senken, die im Alltag am häufigsten zu gefährlichen Situationen führen.
Verstehen und schützen – beides gehört zusammen
Vielleicht wird Karl auch morgen früh wieder seine Jacke anziehen und sagen, dass seine Kollegen auf ihn warten. Seine Frau wird ihn nicht davon überzeugen können, dass er seit zwölf Jahren pensioniert ist. Aber sie kann versuchen zu verstehen, wohin Karl in diesem Moment eigentlich möchte.
Vielleicht geht es gar nicht um die Arbeit. Vielleicht geht es um das Gefühl, gebraucht zu werden, um Vertrautheit, um Aufgabe und Zugehörigkeit.
Genau darin liegt eine der wichtigsten Aufgaben in der Begleitung von Menschen mit Demenz: nicht nur das Verhalten zu stoppen, sondern seine Bedeutung zu suchen.
Gleichzeitig braucht es dort, wo Orientierung verloren geht, Sicherheit. Eine gut gestaltete Umgebung, technische Hilfen und vorausschauende Maßnahmen können Risiken deutlich reduzieren – ohne einem Menschen mehr Freiheit zu nehmen als notwendig.
Denn gute Demenzbegleitung bedeutet nicht, zwischen Freiheit und Sicherheit wählen zu müssen. Sie bedeutet, immer wieder neu zu überlegen, wie beides miteinander möglich werden kann.
Und manchmal beginnt das mit einer ganz einfachen Frage:
Nicht: „Wie verhindere ich, dass er weggeht?“
Sondern: „Wo möchte er eigentlich hin?“
In unserer aktuellen Folge von „Vergiss Dich nicht – Der Demenzpodcast“ sprechen wir ausführlicher darüber, warum Menschen mit Demenz scheinbar „weglaufen“, was hinter der Hinlauftendenz steckt und wie Angehörige damit umgehen können.
Auch auf unserem Blog „damals wie heute“, auf Facebook und Instagram findet ihr regelmäßig praktische Impulse rund um Demenz, Angehörigenbegleitung und den Alltag mit der Erkrankung.
Mehr Informationen gibt es außerdem auf unserer Webseite christineleyroutz.at.






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