Gedanken zum Weltalzheimertag
Was am Weltalzheimertag wirklich zählt
Heute ist der 21. September – Weltalzheimertag. Ein Tag, an dem plötzlich überall über Demenz gesprochen wird: in den Nachrichten, auf Plakaten und in Pressemitteilungen.
Und ich sitze hier und frage mich, was ich all den Zahlen und Fakten noch hinzufügen soll, die heute wieder durch die Medien gehen.
Ich glaube nichts.
Stattdessen möchte ich von einem Moment erzählen.
Vor ein paar Tagen saß ich einer Frau gegenüber, die mir erklärte, ihr gehe es gut. Alles sei in Ordnung, sie komme mit allem zurecht. Ihr Mann saß neben ihr und schwieg.
Ich kenne diesen Blick mittlerweile gut. Er sagt:Ich weiß, dass das nicht stimmt. Aber ich bringe es nicht übers Herz, ihr zu widersprechen. Nicht heute. Nicht vor einer fremden Person.
Das ist die Seite von Demenz, die in keiner Statistik steht. Nicht die Zahl der Betroffenen, nicht die Kosten für das Gesundheitssystem und nicht die Prognosen für das Jahr 2050.
Sondern dieser eine Moment, in dem zwei Menschen, die einander seit Jahrzehnten lieben, plötzlich in unterschiedlichen Wirklichkeiten leben – und trotzdem beieinanderbleiben.
Was mich in meiner Arbeit jeden Tag aufs Neue berührt, ist nicht die Diagnose. Diagnosen kann ich stellen, dafür bin ich ausgebildet.
Was mich berührt, ist das, was Angehörige leisten, ohne dass es gesehen wird.
Die Tochter, die dreimal täglich anruft, um sicherzugehen, dass der Herd ausgeschaltet ist.
Der Sohn, der seinen Urlaub absagt, weil die Mutter niemandem sonst vertraut.
Der Partner, der gerade erst in Pension gegangen ist und sich eigentlich Ruhe verdient hätte – und nun rund um die Uhr präsent sein muss, weil das Alleinsein für seine Frau Angst bedeutet.
Diese Menschen bekommen keinen Ehrentag. Es gibt kaum Kampagnen für sie. Dabei sind sie es, die einen großen Teil der Versorgung in unserem Land tragen: oft leise, oft erschöpft und häufig begleitet von einem schlechten Gewissen, weil sie sich fragen, ob sie genug tun.
Deshalb ist mir der Weltalzheimertag jedes Jahr wichtig. Nicht nur wegen der Aufmerksamkeit für die Erkrankung selbst, sondern weil er eine Gelegenheit bietet, all das sichtbar zu machen, was sonst im Verborgenen bleibt.
Die Geduld, die es braucht, wenn eine Frage zum fünften Mal gestellt wird.
Den Mut, einen Pflegegeldantrag zu stellen, obwohl der geliebte Mensch dies als Kapitulation empfindet.
Die Kraft, jemanden zu lieben, der einen manchmal nicht mehr erkennt – und trotzdem jeden Tag wiederzukommen.
Wenn Sie einen Menschen kennen, der einen Angehörigen mit Demenz begleitet, dann rufen Sie ihn heute an.
Nicht, um über Demenz zu sprechen.
Fragen Sie einfach:
Wie geht es dir?
Das ist vielleicht das Wertvollste, was wir an einem Tag wie heute tun können.






Kommentare