„Ich muss noch aufs Feld, es wird gleich dunkel" – warum Menschen mit Demenz in die Vergangenheit reisen
- leyroutz
- vor 4 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Karl sagt diesen Satz fast jeden Tag. Für ihn ist das keine Erinnerung, die er sich zurechtlegt. Für ihn ist das gerade jetzt real. Der Hof, das Feld, die Arbeit, die noch getan werden muss, bevor die Sonne untergeht.
Seine Familie hat lange versucht, ihn zu korrigieren. Papa, der Hof ist doch längst verpachtet. Du bist doch schon so viele Jahre in Pension. Gut gemeint, verständlich, menschlich – und trotzdem hat es nicht geholfen. Im Gegenteil: Je öfter Karl korrigiert wurde, desto unruhiger wurde er.
Diese Situation kenne ich aus meiner Arbeit sehr gut. Und weil sie so viele Familien betrifft, war sie das Thema unserer neuen Podcastfolge von „Vergiss Dich nicht". Ich möchte sie hier noch einmal aufgreifen, denn das Verständnis dafür verändert sehr viel im Alltag mit Demenz.
Warum die Vergangenheit oft näher ist als das Heute
Bei einer Alzheimer-Demenz ist der Hippocampus früh betroffen. Das ist jene Struktur im Gehirn, die neue Erinnerungen abspeichert und ihnen einen festen Platz gibt.
Ich erkläre das Angehörigen gerne mit einem Bild: Stellen Sie sich das Gehirn als Bibliothek vor. Jeden Tag kommen neue Bücher dazu, das Gespräch von gestern, das Frühstück von heute. Damit ein Buch später wiedergefunden werden kann, braucht es jemanden, der es einordnet und beschriftet. Genau das übernimmt normalerweise der Hippocampus.
Bei einer Demenz ist dieser Bibliothekar zunehmend überfordert. Neue Bücher kommen zwar noch herein, werden aber nicht mehr richtig einsortiert. Sie verschwinden, bevor sie einen festen Platz im Regal bekommen.
Die alten Bücher hingegen, jene aus der Jugend, aus dem Berufsleben, aus prägenden Lebensphasen, stehen seit Jahrzehnten fest an ihrem Platz. Besonders jene, die mit starken Gefühlen verbunden sind. Fachlich sprechen wir hier vom Reminiszenzeffekt: einer überproportional guten Erinnerung an Ereignisse aus Jugend und früher Erwachsenenzeit, während Neues kaum mehr haftet.
Wenn Karl also vom Feld erzählt, ist das kein Zufall und keine Verwechslung. Es ist schlicht das, was noch zugänglich ist. Das Gehirn greift auf das zurück, was fest steht, weil das, was gerade passiert, nicht mehr hält.
Warum Korrigieren die Situation oft verschlimmert
Wenn wir jemanden korrigieren, der gerade emotional und kognitiv in einer anderen Zeit verortet ist, nehmen wir ihm in diesem Moment zweierlei: die Erinnerung, auf die er sich gerade stützt, und einen Boden in der Gegenwart, den wir ihm nicht anbieten können. Die Gegenwart ist für Menschen mit fortgeschrittener Demenz oft keine sichere Alternative. Sie ist unübersichtlich, sie ist beängstigend, sie bietet keinen Halt.
Korrigieren erhöht deshalb häufig Stress, Verwirrung und mitunter auch aggressives Verhalten. Nicht, weil die betroffene Person unvernünftig wäre, sondern weil ihr in diesem Moment die einzige Ressource genommen wird, die gerade trägt.
Was stattdessen hilft: Mitreisen statt zurückholen
Karls Tochter hat irgendwann aufgehört zu korrigieren und angefangen zu fragen. Wie war das Wetter heute auf dem Feld? Was baut ihr dieses Jahr an? Karl hat erzählt, vom Pferd, vom Pfiff seines Vaters, vom Geruch der frisch umgebrochenen Erde. Und er ist ruhiger geworden. Nicht, weil das Problem gelöst war, sondern weil er sich verstanden gefühlt hat.
Für den Alltag bedeutet das konkret:
Fragen stellen statt richtigstellen. Wie war das damals? Was hat dein Vater gemacht? Wie hat das gerochen? Das sind keine falschen Gespräche. Es sind echte Gespräche, nur eben in einer anderen Zeit verortet.
Mitreisen, zumindest ein Stück weit, statt die Person in die Gegenwart zurückholen zu wollen.
Biografische Ankerpunkte gezielt nutzen. Ein Ort, ein Beruf, ein Geruch, ein Lied, ein Name, der Sicherheit gibt. Diese Ankerpunkte helfen besonders in unruhigen Momenten.
Sich selbst nicht überfordern. Es ist zutiefst menschlich, dass es wehtut, den eigenen Vater, die eigene Mutter so zu erleben. Genau dafür gibt es Austausch in Selbsthilfegruppen und im Demenzcafé. Diese Reisen muss niemand alleine begleiten.
Der Kern dieser Erkenntnis
Man muss die Geschichte nicht lösen. Man muss dabei getragen sein. Das gilt für Karl, und es gilt für jeden Menschen mit Demenz, der gerade an einem Ort ist, den wir nicht mehr sehen können, der für ihn aber sehr real ist.
Wenn wir aufhören, gegen diese Reisen anzukämpfen, und anfangen, sie zu begleiten, verändert sich etwas Entscheidendes: Aus einem täglichen Konflikt wird ein Moment der Begegnung.
Die ganze Folge dazu findet ihr auf Spotify, unter „Vergiss Dich nicht – Der Demenzpodcast". Mehr zum Thema, meine Angebote und unsere fiktive Geschichte „Auguste" findet ihr auf meiner Website christineleyroutz.at.
Wenn euch dieser Beitrag berührt oder weitergeholfen hat, teilt ihn gerne mit jemandem, der gerade genau das erlebt.

Die ganze Folge dazu findet ihr auf Spotify, unter „Vergiss Dich nicht – Der Demenzpodcast". Mehr zum Thema, meine Angebote und unsere fiktive Geschichte „Auguste" findet ihr auf meiner Website christineleyroutz.at.
Wenn euch dieser Beitrag berührt oder weitergeholfen hat, teilt ihn gerne mit jemandem, der gerade genau das erlebt.





Kommentare