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Ein Appell an alle, die Verantwortung tragen

  • leyroutz
  • vor 7 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die monatelang funktionieren. Die organisieren, begleiten, entscheiden, aushalten. Die nachts wach liegen und tagsüber so tun, als wäre alles unter Kontrolle. Die ihre eigenen Bedürfnisse so weit nach hinten schieben, dass sie selbst vergessen haben, dass sie welche haben.

Diese Menschen heißen Angehörige.

Und sie kommen zu Ihnen.


Sie kommen in Begutachtungen, in Aufnahmegespräche, in Pflegegeldverfahren. Sie sitzen Ihnen gegenüber – erschöpft, oft am Limit, manchmal mit zitternden Händen – und erzählen, was sie täglich sehen. Was nicht mehr geht. Was sich verändert hat. Was sie fürchten.


Wie Sie mit diesem Moment umgehen, verändert etwas. Immer.


An begutachtende Ärztinnen und Ärzte

Sie sehen die Person vor sich. Vielleicht ist es ein guter Tag. Vielleicht trägt die soziale Fassade noch. Vielleicht antwortet sie flüssig, lächelt, wirkt orientiert.

Was Sie in diesem Moment nicht sehen: den Herd, der dreimal in dieser Woche vergessen wurde. Das Gespräch, das sich gestern zum fünften Mal wiederholt hat. Die Nacht, in der der Angehörige aufgestanden ist, weil jemand die Wohnung verlassen wollte.

Ein gutes Gespräch ist kein Befund. Es ist ein Ausschnitt.

Demenz fluktuiert. Sie hat gute Stunden, klare Momente, soziale Rituale, die noch lange erhalten bleiben, während dahinter bereits vieles nicht mehr funktioniert. Das ist keine Ausnahme – das ist die Neurobiologie dieser Erkrankung.


Was ich mir von Ihnen wünsche: Fragen Sie nach. Nicht als Pflichtpunkt, sondern wirklich.

Fragen Sie die Angehörigen, was sie täglich beobachten. Nehmen Sie ihre Antworten als das, was sie sind – klinisch relevante Information, die kein Kurzgespräch ersetzen kann. Und wenn das, was Sie hören, nicht zum Bild passt, das Sie vor sich sehen: Halten Sie inne. Denn dieser Widerspruch ist oft der wichtigste Befund.


An alle, die über Pflegegeld entscheiden

Das Pflegegeldverfahren ist für viele Angehörige ein Moment der tiefen Demütigung. Nicht weil die Menschen bösen Willens wären. Sondern weil ein System, das auf Minuten und Kategorien ausgerichtet ist, das Leiden dahinter oft nicht sieht.

Da sitzt jemand, der seit Monaten oder Jahren die Pflege trägt. Der nicht geschlafen hat. Der den eigenen Beruf reduziert hat, vielleicht aufgegeben. Der Beziehungen, Freizeit, Gesundheit investiert hat – weil es niemand sonst tut.

Und dann wird geprüft, ob der Hilfebedarf in Minuten ausreichend dokumentiert ist.

Ich sage das nicht, um das System pauschal zu kritisieren. Ich sage es, weil ich täglich sehe, was dieser Moment mit Menschen macht. Wie er das Gefühl verstärkt: Niemand sieht, was ich leiste. Niemand glaubt mir.


Was ich mir von Ihnen wünsche: Schauen Sie nicht nur auf die pflegebedürftige Person.

Schauen Sie auch auf die Person daneben. Fragen Sie, wer die Pflege trägt. Wie lange schon. Und unter welchen Bedingungen. Denn wer die Angehörigen übersieht, übersieht den tragenden Pfeiler des gesamten Pflegesystems.


An Einrichtungen, die Pflegeplätze vergeben

Der Anruf kommt oft in einem Moment der Erschöpfung. Nicht weil die Angehörigen aufgeben wollen – sondern weil sie nicht mehr können. Weil sie erkannt haben, dass der Mensch, den sie lieben, mehr braucht, als sie alleine geben können.

Dieser Anruf kostet unglaublich viel Kraft. Er ist das Eingeständnis einer Grenze. Oft verbunden mit Schuldgefühlen, die so schwer wiegen, dass manche Menschen den Anruf wochenlang aufschieben.

Und dann folgt: eine Warteliste. Ein Formular. Eine Absage. Oder – im besten Fall – ein Gespräch.

Wie dieses Gespräch geführt wird, bleibt. Es bleibt lange.


Was ich mir von Ihnen wünsche: Empfangen Sie diese Menschen mit dem Wissen, was es sie gekostet hat, diesen Schritt zu tun.

Erklären Sie Abläufe, ohne zu verwalten. Hören Sie zu, ohne auf die Uhr zu schauen. Und wenn es keinen Platz gibt: Sagen Sie, was es gibt. Einen Ansprechpartner. Einen nächsten Schritt. Das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden.

Denn das ist es, was bleibt: nicht ob alles perfekt war, sondern ob jemand wirklich da war.


Was alle Verbindet

Sie alle – Gutachterinnen, Sachverständige, Sachbearbeiterinnen, Heimleitungen – treffen Menschen in einem der verletzlichsten Momente ihres Lebens.

Sie haben Macht in diesem Moment. Nicht im schlechten Sinne. Aber Macht im Sinne von: Ihre Haltung verändert etwas. Ihr Ton verändert etwas. Ob Sie nachfragen oder nicht, ob Sie glauben oder zweifeln, ob Sie sehen oder nur prüfen – das hinterlässt Spuren.

Angehörige von Menschen mit Demenz sind keine Bittsteller. Sie sind Menschen, die seit Langem mehr tragen, als sichtbar ist. Sie brauchen keine Mitleid. Sie brauchen Respekt. Anerkennung. Und das Gefühl, dass ihre Beobachtungen, ihre Erschöpfung, ihre Geschichte – zählen.


Das kostet Sie nichts. Und es verändert alles.


Haben Sie als Angehöriger Erfahrungen gemacht, in denen Sie sich gehört gefühlt haben – oder eben nicht? Ich freue mich auf Ihre Gedanken in den Kommentaren. Diese Geschichten sind wichtig. Sie zeigen, wo unser System trägt – und wo es noch lernen muss.


 
 
 

1 Kommentar


Hannelore Pacher
Hannelore Pacher
vor 35 Minuten

Christine, Du sprichst mit Deinen Blogs für alle Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen, Deine Berichte und Aufrufe kommen aus Deinem tiefsten Inneren, praxisbezogen und Mut schenkend. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Freundschaft mit Dir erleben darf.


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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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