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Wenn Demenz ein junges Gesicht hat

  • leyroutz
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Es gibt Momente in meiner Arbeit, die mich innehalten lassen. Nicht weil ich nicht vorbereitet wäre – sondern weil manche Realitäten einen einfach treffen, egal wie viel Erfahrung man mitbringt.


Eine dieser Realitäten begegnet mir gerade in unserer Einrichtung. Eine Frau, Mitte vierzig. Tochter. Vielleicht Partnerin. Auf jeden Fall: Mitten im Leben – und mittendrin in einer Erkrankung, die die meisten Menschen mit dem hohen Alter verbinden. Eine frontotemporale Demenz. Eine der selteneren Formen. Eine der herausforderndsten.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich glaube, dass dieses Thema mehr Sichtbarkeit braucht. Für die Betroffenen. Für ihre Familien. Und für alle, die in der Pflege und Begleitung Verantwortung tragen.


Was ist eine frontotemporale Demenz?

Die frontotemporale Demenz – kurz FTD – ist eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen vor allem der Frontal- und Temporallappen des Gehirns betroffen sind. Diese Bereiche sind zuständig für Persönlichkeit, Sprache, Empathie, soziales Verhalten und Impulskontrolle.

Was das bedeutet: Die FTD zeigt sich oft nicht zuerst durch Vergesslichkeit – sondern durch Veränderungen im Verhalten und in der Persönlichkeit. Betroffene werden enthemmt, impulsiv, sozial unangepasst. Sie verlieren das Gespür für Konventionen, für die Gefühle anderer, manchmal für Scham. Oder sie ziehen sich vollständig zurück, verlieren die Sprache, werden still auf eine Weise, die sich fremd anfühlt.


Für Außenstehende – und oft auch für Fachpersonal – wirkt das zunächst wie eine psychiatrische Erkrankung. Wie eine Depression, eine Manie, eine Persönlichkeitsstörung. Die Diagnose dauert im Schnitt drei bis fünf Jahre. Drei bis fünf Jahre, in denen Familien nicht verstehen, was passiert. In denen der Mensch, den sie kennen, sich verändert – und niemand weiß warum.

Die FTD betrifft häufig Menschen zwischen 45 und 65 Jahren. Sie ist eine der häufigsten Demenzformen bei Menschen unter 65 – und gleichzeitig eine der am wenigsten bekannten.


Was das für die Pflege bedeutet

Eine junge Frau mit FTD in einer stationären Pflegeeinrichtung zu begleiten, ist eine besondere Aufgabe. Nicht weil das Pflegepersonal nicht kompetent wäre – sondern weil das gesamte System auf ältere Menschen ausgerichtet ist. Die Tagesstruktur, die Angebote, die Mitbewohnenden, die Sprache, mit der über Pflege gesprochen wird.

Eine Frau Mitte vierzig erlebt das. Sie sieht, wer um sie herum ist. Sie spürt den Unterschied, auch wenn sie ihn nicht mehr benennen kann.


Was Pflegeteams in dieser Situation brauchen, ist vor allem eines: Wissen über die spezifische Symptomatik der FTD. Denn die Verhaltensveränderungen – Enthemmung, Impulsivität, scheinbare Gefühlskälte – sind keine Charakterschwäche und kein böser Wille. Sie sind Ausdruck einer neurologischen Schädigung. Wer das versteht, begegnet der Betroffenen anders. Ruhiger. Mit weniger Frustration. Mit mehr Spielraum.

Konkret hilfreich sind:


Klare, reizarme Strukturen im Tagesablauf, die Orientierung geben ohne zu überfordern. Biografiearbeit, die das Leben vor der Erkrankung sichtbar hält – wer war diese Frau, was hat sie geliebt, was hat sie angetrieben. Alters- und interessensgerechte Angebote, soweit möglich: Musik, Bewegung, kreative Elemente, die nicht auf das Bild der typischen Pflegeheimbewohnerin ausgerichtet sind. Regelmäßige Teambesprechungen, in denen schwierige Situationen gemeinsam reflektiert werden – weil die FTD das Pflegeteam emotional stark beansprucht. Psychologische Begleitung für das Team selbst, nicht nur für die Betroffene.


Was das mit der Familie macht

Hier möchte ich einen Moment innehalten. Denn was ich in der Arbeit mit Familien von FTD-Betroffenen erlebe, ist von einer besonderen Schwere.

Da ist ein Partner, der jahrelang nicht verstanden hat, warum seine Frau so anders geworden ist. Der dachte, sie liebt ihn nicht mehr. Der Vorwürfe gemacht hat, sich selbst die Schuld gegeben hat, vielleicht die Beziehung infrage gestellt hat – bevor überhaupt eine Diagnose da war.


Da sind Kinder, die eine Mutter verlieren, die noch lebt. Die vielleicht Jugendliche sind, die sich schämen, die nicht wissen, wie sie Freunden erklären sollen, was passiert. Die gleichzeitig Kind sein wollen und Rücksicht nehmen müssen.

Da ist eine Familie, die trauert – und deren Trauer niemand wirklich sieht, weil die Betroffene noch da ist.


Dieses Phänomen hat einen Namen: ambivalente Trauer, manchmal auch antizipatorische Trauer genannt. Man trauert um einen Menschen, der noch lebt. Um die Person, die er war. Um die Zukunft, die man sich vorgestellt hat. Es ist eine der einsamsten Trauerformen, die es gibt – weil sie gesellschaftlich kaum anerkannt wird.


Dazu kommt: Die Verhaltensveränderungen der FTD betreffen direkt die Beziehung. Wenn ein Mensch plötzlich kalt wirkt, enthemmt, impulsiv, manchmal verletzend – dann hinterlässt das Wunden. Wunden, die nicht einfach verschwinden, wenn die Diagnose da ist. Die Erklärung lindert den Schmerz – aber sie hebt ihn nicht auf.


Was Familien in dieser Situation brauchen

Aufklärung – frühzeitig und verständlich. Was ist eine FTD? Was bedeutet das für den Verlauf? Was können wir erwarten? Viele Familien erhalten diese Information zu spät oder zu fragmentiert.

Einen Raum für die eigene Trauer. Nicht nur als Begleitende, sondern als Menschen, die selbst betroffen sind. Angehörigenberatung, Selbsthilfegruppen, psychologische Begleitung – das sind keine Extras. Das ist notwendige Versorgung.


Entlastung ohne Schuldgefühle. Die Entscheidung für einen stationären Pflegeplatz ist bei einer jungen Erkrankten besonders schwer. Sie kommt früher, als man es je gedacht hätte. Familien brauchen das Signal: Das ist nicht Aufgeben. Das ist Fürsorge.

Kontinuität in der Beziehung. Auch wenn die Betroffene in einer Einrichtung lebt, bleibt die Familie ein zentraler Teil ihres Lebens. Besuchsstrukturen, gemeinsame Aktivitäten, das Gespräch mit dem Pflegeteam auf Augenhöhe – all das hält eine Verbindung aufrecht, die für alle Seiten bedeutsam ist.


Was ich mir wünsche

Mehr Sichtbarkeit für junge Demenzerkrankungen in Österreich. Mehr spezialisierte Anlaufstellen. Mehr Schulungen für Pflegeteams, die mit dieser Realität konfrontiert sind. Und mehr Mitgefühl – nicht als Mitleid, sondern als echtes Interesse daran, was hinter der Diagnose steckt.


Die Frau, von der ich am Anfang geschrieben habe, hat ein ganzes Leben gelebt, bevor sie zu uns gekommen ist. Dieses Leben ist nicht verschwunden. Es verdient Platz – in der Pflege, in der Erinnerung, in der Art, wie wir ihr begegnen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Aber es wäre eine.


Kennen Sie jemanden, der von einer jungen Demenzerkrankung betroffen ist? Haben Sie als Angehöriger oder Pflegeperson Erfahrungen gemacht, die Sie teilen möchten? Ich freue mich auf Ihre Gedanken in den Kommentaren.



 
 
 

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