Wenn Auguste vergisst, dass sie vergisst
- leyroutz
- vor 13 Minuten
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Auguste sitzt am Küchentisch, die Kaffeetasse fest in beiden Händen. Sie lächelt und sagt: „Mir fehlt nichts. Ich weiß genau, was ich tue.“
Ihre Tochter steht daneben und schweigt. Denn sie weiß, dass der Herd in dieser Woche bereits zum dritten Mal eingeschaltet war, obwohl niemand gekocht hat.
Wer Menschen mit Demenz begleitet, kennt solche Situationen in unzähligen Varianten. Fast immer entsteht daraus derselbe Reflex bei Angehörigen: Sie erklären, argumentieren, erinnern und zeigen Beweise. Und sie fragen sich verzweifelt, warum nichts davon ankommt.
Es ist keine Sturheit
Was hier passiert, hat einen Namen: Anosognosie – die fehlende Krankheitseinsicht aufgrund einer neurologischen Schädigung.
Wichtig ist, Anosognosie von Verdrängung oder Verleugnung zu unterscheiden. Verdrängung ist ein psychischer Abwehrmechanismus. Der Mensch weiß im Grunde, dass etwas nicht stimmt, kann diese Erkenntnis aber nicht zulassen.
Anosognosie ist etwas völlig anderes. Sie entsteht durch Veränderungen in Hirnregionen, die für Selbstwahrnehmung und Krankheitseinsicht verantwortlich sind – häufig im Bereich des rechten Frontal- und Parietallappens.
Auguste lügt nicht.
Sie verdrängt nichts.
Sie hat schlicht keinen Zugang mehr zu der Information, dass sich ihr Gehirn verändert hat.
Genau an diesem Punkt geraten viele Angehörige an ihre Grenzen. Denn unser gesunder Menschenverstand sagt uns: Wenn ich jemandem etwas oft genug erkläre, muss er es doch irgendwann verstehen.
Bei einer neurologisch bedingten Anosognosie funktioniert dieser Mechanismus jedoch nicht. Kein noch so liebevolles Gespräch und kein noch so überzeugendes Argument können ein Hirnareal reaktivieren, das seine Funktion verloren hat.
Warum dieses Wissen entlastet
Wenn Angehörige verstehen, dass sie es nicht mit Sturheit, Uneinsichtigkeit oder mangelndem Willen zu tun haben, verändert sich oft etwas Grundlegendes.
Der Vorwurf verschwindet.
Die Enttäuschung wird kleiner.
Die Erschöpfung bleibt – aber sie fühlt sich anders an.
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, wie befreiend dieser Perspektivwechsel sein kann.
Eine Tochter sagte einmal zu mir:
„Ich habe jahrelang gedacht, meine Mutter will mich nicht hören. Heute weiß ich: Sie kann es nicht mehr.“
Dieser Satz verändert vieles.
Was im Alltag hilft
Anstatt zu überzeugen, hilft es, die Realität behutsam zu begleiten, ohne sie aufzuzwingen.
Nicht diskutieren, sondern umlenken. Ein Streit über die Wahrheit kostet beiden Seiten Kraft und führt selten zum Ziel.
Sicherheit geht vor Rechthaben. Wenn der Herd zur Gefahr wird, helfen technische Lösungen wie Herdabschaltungen oder Abschaltautomatiken mehr als jede Diskussion.
Die Würde bewahren. Auguste braucht keine Belehrung. Sie braucht das Gefühl, weiterhin ernst genommen zu werden.
Die eigenen Erwartungen verändern. Krankheitseinsicht ist oft kein realistisches Ziel mehr. Diese Erwartung loszulassen ist ein wichtiger Schritt in der Angehörigenbegleitung.
Validation statt Korrektur. Hinter vielen Aussagen steckt ein Gefühl. Wenn Auguste sagt: „Ich muss zur Arbeit“, geht es häufig um das Bedürfnis, gebraucht zu werden oder eine Aufgabe zu haben – nicht um den tatsächlichen Arbeitsplatz.
Ablenkung bewusst einsetzen. Ein Themenwechsel oder eine gemeinsame Tätigkeit kann Spannungen lösen, ohne dass jemand sein Gesicht verliert.
Die eigenen Grenzen kennen. Nicht jede Situation lässt sich lösen. Manchmal ist ein kurzer Rückzug die beste Möglichkeit, Eskalationen zu vermeiden.
Austausch mit anderen Angehörigen suchen. Zu erleben, dass andere dieselben Erfahrungen machen, nimmt Schuldgefühle und entlastet.
Selbstfürsorge ernst nehmen. Wer täglich mit einer Erkrankung lebt, die sich nicht wegdiskutieren lässt, braucht bewusst Erholungszeiten. Geduld ist keine unerschöpfliche Ressource.
Zum Schluss
Auguste vergisst nicht nur Namen, Termine oder Wege.
Manchmal vergisst sie auch, dass sie vergisst.
Paradoxerweise macht genau das ihre Welt für sie oft ein Stück sicherer. Die Krankheit nimmt ihr die Fähigkeit, die eigenen Defizite wahrzunehmen – und schützt sie damit gleichzeitig vor der ständigen Angst über das, was verloren geht.
Für Angehörige ist das oft besonders schmerzhaft. Sie sehen die Veränderungen jeden Tag und wünschen sich, der geliebte Mensch würde sie wenigstens erkennen.
Doch genau darin liegt der Wendepunkt.
Nicht darin, Auguste von ihrer Erkrankung zu überzeugen.
Sondern darin, sie dort abzuholen, wo sie gerade ist.
Denn Menschen mit Demenz brauchen am Ende nicht Recht.
Sie brauchen Sicherheit.
Sie brauchen Würde.
Und vor allem brauchen sie Menschen, die sie nicht an dem messen, was verloren gegangen ist, sondern an dem, was noch immer da ist.






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