Wenn Demenz schwankt – und nichts mehr berechenbar ist
- leyroutz
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Warum Alzheimer und vaskuläre Faktoren gemeinsam das Bild verändern
„Gestern war sie so klar.“ „Heute erkennt sie mich nicht einmal.“
Viele Angehörige erzählen mir genau das. Und fast immer folgt derselbe Satz: „Ich verstehe das nicht. Wie kann das sein?“
Demenz wird oft als linearer Prozess gedacht: Schritt für Schritt schlechter, langsam, vorhersehbar. Die Realität fühlt sich anders an. Sie ist widersprüchlich, sprunghaft, emotional kaum auszuhalten.
Gute Tage, schlechte Tage – und die Verwirrung dazwischen
An manchen Tagen scheint alles fast normal.Gespräche gelingen, Erinnerungen tauchen auf, Nähe ist möglich. Dann kommen Tage, an denen Orientierung, Sprache und Beziehung wie ausgelöscht wirken.
Für Angehörige ist das besonders belastend. Gute Tage machen Hoffnung. Schlechte Tage zerstören sie.
Viele beginnen zu zweifeln: „Ist das wirklich Demenz?“ „Übertreibt sie vielleicht?“ „Oder wird alles plötzlich viel schlimmer?“
Die Antwort ist oft komplexer, als man denkt.
Demenz ist selten eindeutig
In der Praxis zeigt sich:Viele Menschen haben keine „reine“ Alzheimer-Demenz.
Häufig liegen mehrere Prozesse gleichzeitig vor:
neurodegenerative Veränderungen (wie bei Alzheimer)
Durchblutungsstörungen im Gehirn
kleine, oft unbemerkte Gefäßschäden
körperliche Belastungsfaktoren
Man spricht dann von einer Mischform aus Alzheimer und vaskulärer Demenz.
Während Alzheimer meist langsam und kontinuierlich fortschreitet, führen vaskuläre Faktoren oft zu plötzlichen Einbrüchen – und manchmal auch zu überraschenden Stabilitäten.
Das Gehirn reagiert empfindlich auf alles, was den Körper belastet:
schlechter Schlaf
Infekte
Flüssigkeitsmangel
Blutdruckschwankungen
Stress
Schmerzen
emotionale Überforderung
Bei einem gesunden Gehirn sind solche Faktoren oft kompensierbar. Bei einem vorgeschädigten Gehirn können sie das fragile Gleichgewicht kippen.
Wenn das Gehirn keine Reserven mehr hat
Menschen mit Demenz leben gewissermaßen mit weniger „kognitiver Reserve“. Das bedeutet: Das Gehirn hat weniger Spielraum, um Belastungen auszugleichen.
Was früher kaum spürbar war, wird plötzlich dramatisch.
Ein schlechter Tag reicht – und alles scheint verloren.
Für Angehörige fühlt sich das oft wie ein emotionales Schleudertrauma an: zwischen Hoffnung und Abschied, zwischen Nähe und Fremdheit.
Und dann ist da noch das Delir
Manchmal sind Verschlechterungen nicht nur Teil der Demenz. Manchmal handelt es sich um ein Delir.
Ein Delir zeigt sich durch:
plötzliche Verwirrtheit
starke Aufmerksamkeitsschwäche
ausgeprägte Desorientierung
oft körperliche Auslöser (Infekt, Medikamente, Dehydratation)
Für Angehörige ist der Unterschied kaum erkennbar. Für Fachpersonen ist er entscheidend.
Denn ein Delir ist kein „normaler Demenzverlauf und auch kein Demenzschub“, sondern ein medizinischer Alarmzustand.
Die unsichtbare Belastung der Angehörigen
Was in Diagnosen und Befunden selten vorkommt, ist die emotionale Realität der Angehörigen.
Sie leben mit Ungewissheit. Mit dem Gefühl, sich auf nichts verlassen zu können. Mit der Frage: „Wer bist du heute?“
Viele erzählen mir: „Ich weiß nie, was mich erwartet, wenn ich die Tür aufmache.“
Diese Unberechenbarkeit erschöpft. Nicht nur körperlich, sondern existenziell.
Verstehen heißt nicht kontrollieren – aber es kann entlasten
Zu wissen, dass Schwankungen Teil einer Mischdemenz sein können, verändert den Blick.
Es bedeutet:
Nicht jede Verschlechterung ist ein endgültiger Abbau.
Nicht jede Klarheit ist ein Zeichen von Heilung.
Viele Veränderungen haben körperliche und situative Ursachen.
Manchmal geht es nicht um „mehr Demenz“, sondern um zu wenig Schlaf, zu wenig Flüssigkeit, zu viel Stress.
Und manchmal geht es darum, anzuerkennen: Das Gehirn folgt keiner linearen Logik.
Vielleicht ist das die schwerste Wahrheit
Demenz zwingt uns, Abschied in Wellen zu erleben. Nicht einmal – sondern immer wieder.
Und vielleicht beginnt Entlastung dort, wo wir aufhören, jeden guten Tag festhalten zu wollen und jeden schlechten Tag als Katastrophe zu deuten.
Nicht alles ist kontrollierbar. Aber vieles ist erklärbar.
Und manches ist einfach menschlich.








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