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Aggression bei Demenz: Was wirklich dahintersteckt

  • leyroutz
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Herbert schlägt nach der Pflegerin, als sie ihm beim Anziehen helfen will. Im ersten Moment wirkt das wie ein Angriff. Wer genauer hinschaut, sieht etwas anderes: einen Mann, der sich gerade überrumpelt fühlt, dessen Arm plötzlich von einer fremden Hand gehalten wird, ohne dass er versteht, warum.

Aggression bei Demenz ist fast nie das, wonach sie aussieht. Sie ist selten Bosheit, selten ein Charakterzug, der plötzlich zum Vorschein kommt. Sie ist meistens eine Notreaktion, das letzte verfügbare Werkzeug eines Nervensystems, das sich bedroht fühlt und keine andere Sprache mehr findet, um das auszudrücken.


Die Logik hinter dem scheinbar Unlogischen

Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Fähigkeit, Situationen einzuordnen und zu erklären. Was für uns ein harmloser Griff nach dem Arm ist, kann für jemanden mit fortgeschrittener Demenz ein unangekündigter körperlicher Übergriff sein. Die Aggression, die darauf folgt, ist keine Fehlfunktion, sie ist eine folgerichtige Reaktion auf eine Welt, die gerade unberechenbar geworden ist.

Häufige Auslöser lassen sich in wenigen Kategorien zusammenfassen. Körperliche Beschwerden wie Schmerz, Hunger oder eine volle Blase, die nicht mehr benannt werden können. Überforderung durch zu viele Reize, zu viele Menschen, zu viel Hektik. Ein Gefühl von Kontrollverlust, etwa wenn Pflegehandlungen ohne Ankündigung geschehen. Und Missverständnisse, bei denen eine Pflegeperson plötzlich als fremd oder bedrohlich wahrgenommen wird.


Der Blick, der alles verändert

Sobald man Aggression als Kommunikation liest statt als Angriff, verändert sich die eigene Reaktion automatisch. Die Frage wird nicht mehr, wie bringe ich diese Person zur Ruhe, sondern, wovor schützt sie sich gerade. Diese Verschiebung ist oft der entscheidende Unterschied zwischen einer Situation, die eskaliert, und einer, die sich auflöst.

Herbert schlägt nicht, weil er ein aggressiver Mensch ist. Er schlägt, weil sein Arm sich plötzlich nicht mehr ihm zu gehören scheint. Wer das versteht, hält vielleicht kurz inne, bevor er weiterhilft. Und genau dieser Moment des Innehaltens macht oft den ganzen Unterschied.


10 Strategien zur Deeskalation

Wenn eine Situation kippt, zählt nicht die perfekte Erklärung, sondern das richtige Verhalten im Moment. Diese zehn Strategien haben sich in der Praxis bewährt, gerade weil sie einfach und schnell umsetzbar sind.


  • Abstand schaffen, ohne die Person allein zu lassen. Ein Schritt zurück nimmt oft schon Druck aus der Situation, ohne dass die Beziehung abbricht.

  • Die eigene Körperspannung senken. Verschränkte Arme, angespannte Schultern oder ein fester Blick werden als Bedrohung gelesen, auch wenn sie das nicht sein sollen.

  • Die Stimme senken statt erheben. Ein ruhiger, tiefer Tonfall wirkt beruhigend, ein lauter oder hoher Tonfall verstärkt fast immer die Anspannung.

  • Nicht diskutieren oder korrigieren. In einer akuten Situation gewinnt niemand ein Sachargument, aber viele verlieren dadurch die letzte Verbindung zur Ruhe.

  • Ablenken statt konfrontieren. Ein Themenwechsel, ein vertrauter Gegenstand, eine andere Umgebung können eine Eskalation unterbrechen, bevor sie sich aufschaukelt.

  • Berührung nur anbieten, nie aufzwingen. Eine ausgestreckte Hand kann beruhigen oder als Angriff wirken, je nach Situation, deshalb immer erst Blickkontakt und Reaktion abwarten.

  • Die eigene Sicherheit im Blick behalten. Deeskalation bedeutet nicht, sich selbst zu gefährden. Ein rechtzeitiger Rückzug ist keine Niederlage, sondern Selbstschutz.

  • Bedürfnisse hinter dem Verhalten suchen. Hunger, Schmerz, Toilettengang, Müdigkeit, oft steckt hinter der Eskalation ein ganz konkretes, unerfülltes Bedürfnis.

  • Nach der Situation nachbesprechen. Was ist vorausgegangen, was hat geholfen, was nicht. Muster erkennen verhindert die nächste Eskalation oft wirksamer als jede einzelne Technik.

  • Sich selbst Zeit zur Erholung geben. Wer unmittelbar nach einer belastenden Situation weiterfunktionieren muss, trägt die Anspannung oft unbemerkt in die nächste Begegnung hinein.


Keine dieser Strategien wirkt isoliert perfekt. Zusammen bilden sie aber ein Repertoire, das in dem Moment greift, in dem es am meisten zählt.


Aggression bei Demenz fordert uns heraus, weil sie uns unmittelbar trifft. Sie kann erschrecken, verletzen und manchmal auch wütend machen. Umso wichtiger ist es, nicht nur auf das Verhalten zu schauen, sondern auf den Menschen dahinter.

Nicht jede Eskalation lässt sich verhindern. Aber sehr viele Situationen verändern sich, wenn wir beginnen zu fragen: Was ist gerade passiert? Was hat dieser Mensch möglicherweise verstanden? Und wovor versucht er sich zu schützen?

Vielleicht ist das die wichtigste Haltung überhaupt: Verhalten bei Demenz ist nicht gegen uns gerichtet, auch wenn es sich manchmal genau so anfühlt. Es erzählt uns etwas – von Angst, Überforderung, Schmerz, Kontrollverlust oder dem Wunsch nach Sicherheit.


Herbert braucht in diesem Moment niemanden, der sein Verhalten bewertet. Er braucht jemanden, der versucht, seine Welt zu verstehen.


Und manchmal beginnt Deeskalation genau dort: nicht beim richtigen Handgriff, sondern beim richtigen Blick auf den Menschen.



 
 
 

1 Kommentar


alexandra.koptik
vor 2 Tagen

Wenn man Sie selbst kennt,wirkt dieser Artikel wie ein großes Pflaster!

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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