Wenn Worte nicht mehr reichen – warum Menschen mit Demenz aggressiv werden
- leyroutz
- vor 13 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Eine Tochter erzählt:
„Früher war meine Mutter der liebste Mensch der Welt. Heute schreit sie mich an, beschimpft mich und hat sogar versucht, nach mir zu schlagen. Ich erkenne sie nicht mehr.“
Solche Sätze höre ich in meiner Arbeit immer wieder. Fast immer folgt dieselbe Frage:
„Warum macht sie das?“
Warum ich den Begriff „Aggression“ verwende
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass dieser Beitrag und auch unsere Podcastfolge das Wort „Aggression“ im Titel tragen.
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, weil genau nach diesem Begriff Angehörige häufig suchen und weil in den Medien und in der Öffentlichkeit meist von Aggression bei Demenz gesprochen wird.
Ganz ehrlich: Es ist nicht der Begriff, den ich selbst am liebsten verwende.
Denn aus meiner Erfahrung handeln Menschen mit Demenz nur äußerst selten aus Bosheit oder mit der Absicht, jemandem zu schaden. Viel häufiger reagieren sie auf Angst, Schmerzen, Überforderung oder eine Situation, die sie nicht mehr verstehen können.
Deshalb spreche ich persönlich lieber von selbstschützendem Verhalten.
Ein Mensch mit Demenz versucht in solchen Momenten meist nicht anzugreifen – er versucht, sich zu schützen. Vor einer Welt, die immer unverständlicher wird. Vor Berührungen, die plötzlich bedrohlich wirken. Vor Menschen, die er nicht mehr erkennt. Vor Situationen, die Angst machen oder Schmerzen verursachen.
Dieser Blick verändert alles.
Aus der Frage „Warum ist er aggressiv?“ wird die viel wichtigere Frage:
„Wovor versucht sich dieser Mensch gerade zu schützen?“
Allein dieser Perspektivwechsel kann den Umgang mit Menschen mit Demenz nachhaltig verändern.
Selbstschützendes Verhalten ist häufig ein Hilferuf
Menschen mit Demenz verlieren zunehmend die Fähigkeit, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Überforderung in Worte zu fassen. Was für uns selbstverständlich ist, kann für sie Angst auslösen.
Vielleicht verstehen sie eine Situation nicht mehr.
Vielleicht haben sie Schmerzen.
Vielleicht fühlen sie sich bedroht.
Vielleicht erkennen sie ihr Gegenüber nicht.
Was nach außen wie Aggression aussieht, ist häufig Angst, Unsicherheit oder Verzweiflung.
Das Gehirn verarbeitet die Welt anders
Durch die Erkrankung verändert sich die Informationsverarbeitung.
Menschen mit Demenz können Situationen falsch einordnen, Gesichter verwechseln oder Berührungen als Bedrohung erleben. Gleichzeitig fällt es immer schwerer, Gefühle zu regulieren und Impulse zu kontrollieren.
Deshalb können selbst alltägliche Situationen – das Duschen, Anziehen oder die Medikamenteneinnahme – plötzlich zu einer Eskalation führen.
Was hilft Angehörigen?
Der erste Schritt besteht darin, nicht gegen das Verhalten anzukämpfen, sondern seine Ursache zu suchen.
Fragen Sie sich:
Hat die Person Schmerzen?
Ist sie müde oder überfordert?
Ist die Umgebung zu laut?
Fühlt sie sich bedrängt?
Versteht sie, was gerade passiert?
Oft hilft es, einen Schritt zurückzugehen, ruhig zu sprechen, Blickkontakt aufzunehmen und Sicherheit zu vermitteln.
Validation bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Sie bedeutet, zuerst das Gefühl hinter dem Verhalten zu verstehen.
Verhalten hat immer einen Grund
In der Demenzbegleitung gilt für mich ein wichtiger Grundsatz:
Jedes Verhalten hat einen Sinn.
Wenn wir beginnen, hinter das Verhalten zu schauen, erkennen wir häufig Angst, Schmerz, Hilflosigkeit oder den Versuch, sich selbst zu schützen.
Und genau dort beginnt ein anderer Umgang miteinander – einer, der von Verständnis statt Bewertung geprägt ist.
n der neuen Folge unseres Podcasts „Vergiss dich nicht“ sprechen Bettina und ich ausführlich über dieses Thema. Wir erzählen die Geschichte von Auguste, erklären die neuropsychologischen Hintergründe und zeigen konkrete Möglichkeiten, wie Angehörige und Pflegekräfte schwierige Situationen besser verstehen und deeskalieren können.
Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, freuen wir uns sehr, wenn Sie ihn mit anderen Angehörigen oder Pflegepersonen teilen.
Vielleicht erreicht er genau den Menschen, der heute eine Erklärung braucht.
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