Das Kreuz mit dem Kreuz – was meine Rückenschmerzen mit Angehörigen von Menschen mit Demenz zu tun haben
- leyroutz
- 11. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Es war still die letzten Tage im Blog. Still, weil mein eigenes Kreuz sich gemeldet hat. Und da wurde mir wieder klar: Rückenschmerzen sind für viele Angehörige von Menschen mit Demenz kein Zufall, sondern ein leiser Brief des Körpers. Ein Hinweis darauf, dass wir tragen – körperlich, emotional, organisatorisch. Und manchmal zu viel.
Rückenschmerzen als Botschaft
Pflegen bedeutet heben, stützen, drehen, Schuhe anziehen, ins Auto helfen, aus dem Bett mobilisieren. Es bedeutet aber auch: nachts aufstehen, Alarmbereitschaft, Anspannung, die nie ganz abfällt. Der Körper antwortet auf diese Mischung aus Mikrobelastung und Daueranspannung mit einem Muskelpanzer. Die Lendenwirbelsäule ist dabei eine Art Kreuzung aller Kräfte: sie fängt Alltägliches ab – und Unausgesprochenes.
Das Unsichtbare wiegt mit
Rückenschmerz ist selten nur Muskel und Sehne. Er ist oft auch das, was unausgesprochen bleibt: Sorge um den Verlauf, Schuldgefühle, wiederkehrende Konflikte mit Geschwistern, die Einsamkeit nach einem anstrengenden Tag. Der Körper „spricht“, wenn Worte fehlen. Manche beschreiben es so: „Ich habe das Gefühl, ich trage jemanden auf meinem Rücken.“ Dieses Bild ist nicht zufällig – es ist eine präzise Körpermetapher.
Was ich in diesen Tagen erlebt habe
In den letzten Tagen habe ich selbst gespürt, wie schmal der Grat ist zwischen „Ich halte das schon aus“ und „Ich brauche jetzt Hilfe“.
Es begann mit Schmerzen, die mich schließlich in die Notfallaufnahme führten. Das Warten, das Gefühl, nicht wirklich ernst genommen zu werden, der kurze Blick der Ärztin – und das diffuse Empfinden, dass mein Körper gerade mehr sagt, als gehört wird.
Ich ging nach Hause mit dem leisen Zweifel, ob ich übertreibe oder einfach zu sensibel bin. Am nächsten Tag rief meine Hausärztin an. Ganz ruhig, interessiert, zugewandt. Sie fragte, wie es mir geht, hörte zu, nahm sich Zeit. Und allein dieses kurze Gespräch war wie eine kleine Dosis Vertrauen, die wieder in den Körper zurückfließt.
Dann meldeten sich Freundinnen, Kolleginnen, Familie. Eine wusste sofort einen guten Chiropraktiker und übernahm die Terminvereinbarung, jemand bot an, mich hinzufahren.
Und ich dachte: Genau das ist das Netz, das trägt.
Nicht die spektakulären Gesten, sondern die kleinen Momente des Mitdenkens. Ein Anruf, eine Empfehlung, ein „Ich hab da wen für dich“.
Ohne dieses soziale Geflecht wäre ich wohl noch immer irgendwo zwischen Wartezimmer, Schmerz und Selbstzweifel. Mit ihnen aber bekam das Ganze Richtung, Halt – und etwas, das man nicht verschreiben kann: menschliche Wärme.
Woran man erkennt, dass es zu viel wird
Wenn man morgens steif ist, tagsüber in Schonhaltung geht, nachts vom Ziehen aufwacht oder die Schmerzen mit Stress zunehmen und in Pausen nachlassen, dann ist das ein Signal. Es können natürlich auch Bandscheiben, Blockaden oder Entzündungen dahinterstecken – das gehört medizinisch abgeklärt. Aber sehr oft ist es die Summe kleiner Überlastungen plus innere Dauer-Alarmbereitschaft.
Was sofort hilft – kleine Dinge mit großer Wirkung
Dreimal täglich entlasten
– 60 Sekunden an die Wand lehnen, Knie locker, Bauch sanft aktiv, Schultern sinken lassen.
– 5 Atemzüge mit Betonung auf der Ausatmung (z. B. 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus). Das beruhigt das Nervensystem und senkt die Muskelspannung
Mikrobewegungen statt heroischer Workouts
– Becken kippen im Sitzen: 10–15 langsame Wiederholungen, 2–3 Mal am Tag.
– Knie zur Brust im Liegen (abwechselnd): je 6–8 Atemzüge halten.
– Sanfte Katzenbuckel-Bewegung im Vierfüßler oder im Stand mit Händen am Tisch.
Wärme und Wahrnehmung
– Eine warme Dusche oder ein Wärmekissen auf die Lenden- und Bauchregion entspannt reflektorisch.
– Danach kurz „scannen“: Wo hält der Körper fest? Dort bewusst ausatmen.
Klüger heben, nicht tapferer
– Möglichst nah am Körper, aus den Beinen, nicht aus dem Rundrücken.
– Drehen statt ziehen, rutschfeste Socken vermeiden, Hilfsmittel nutzen.
– Wenn möglich, Bewegungen ankündigen und synchron mit der betroffenen Person arbeiten: „Wir stehen gemeinsam auf – eins, zwei, drei.“
Emotionale Entlastung ist Rückenmedizin
Das Kreuz spürt auch Beziehungsdynamiken. Drei Sätze, die im Alltag helfen können:
– „Ich mache heute nur das, was ich wirklich schaffe.“
– „Ich bitte um Hilfe, bevor ich nicht mehr kann.“
– „Meine Grenzen sind nicht Egoismus, sondern Pflegeprophylaxe.“
Wenn Schuldgefühle schwerer sind als der Wäschekorb
Viele Angehörige kennen den Satz: „Ich müsste mehr leisten.“ Die Wahrheit ist: Das Kreuz sagt die Realität. Es zeigt, was tragbar ist. Darf man darüber sprechen, dass es zu viel ist? Ja. Darf man sagen, dass man Unterstützung braucht? Unbedingt. Hilfe organisieren ist Care – nicht Versagen.
Ein Haus-Check für das Kreuz
– Ist das Bett zu niedrig? Einfache Bettklötze oder ein Pflegebett können Wunder wirken.
– Gibt es Haltegriffe im Bad, rutschfeste Matten und einen stabilen Stuhl beim Waschen?
– Steht ein klappbarer Rollwagen bereit, damit Sie Dinge nicht tragen müssen?
– Wie schwer ist der Alltagsshopper, die Getränkekiste, der Wäschekorb? Lieber zweimal gehen als einmal heben.
Eine kleine 3-Minuten-Routine für jeden Tag
Minute 1: ruhiges Atmen im Stehen, Hände auf die Flanken, Ausatmung länger.
Minute 2: Becken kippen im Sitzen, danach Schultern kreisen, Kiefer lösen.
Minute 3: sanfter Hüftschub vor einer Wand, als wollten Sie die Wand „nur ein bisschen“ wegschieben – spüren, wie die Vorderseite weicher wird.
Und noch etwas fürs Herz
Humor entspannt Faszien. Ein Lied, ein kurzer Witz, ein gemeinsames Lächeln beim Zähneputzen – das ist keine Nebensache. Es wechselt den inneren Modus vom Alarm zum Kontakt. Viele Angehörige berichten: Wenn der Moment gut ist, ist auch der Rücken leichter.
Was ich aus der Stille der letzten Tage mitnehme
Mein eigenes Kreuz hat mich erinnert: Pausen sind kein Luxus, sondern Pflege-Handwerk. Die Stille hier im Blog war kein Zeichen von Schwäche, sondern von Hinhören. Vielleicht ist dieser Text Ihr Anlass, heute eine Sache zu erleichtern: eine Kiste weniger, ein Griff mehr, ein Atemzug länger, ein „Kannst du mich bitte unterstützen?“ an die richtige Person.
Das Kreuz mit dem Kreuz ist nicht nur Schmerz. Es ist auch Richtung. Der Körper zeigt, wo es leichter werden darf – Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff, Tag für Tag.








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