Demenzdiagnostik bei Menschen mit Beeintraechtigung – und das Geschenk der Validation
- leyroutz
- vor 8 Minuten
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Es gibt Begegnungen, die verändern nicht nur unser Wissen, sondern unseren Blick auf Menschen. Der letzte Samstag war so ein Tag.
Ein Seminar, die Weisheit der Demenz mit Hildegard Nachum. Ein Raum voller Fachwissen – Humor und zugleich voller Menschlichkeit. Und dann die Diskussion, die mich schon lange begleitet: Wie gelingt Demenzdiagnostik bei Menschen mit Beeinträchtigung – ohne sie auf Defizite zu reduzieren?
Menschen mit kognitiven, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen sind in der Demenzdiagnostik besonders vulnerabel. Ihre Lebensgeschichte ist oft komplexer, ihre Ausdrucksformen vielfältiger, ihre Kommunikationswege anders. Standardisierte Tests stoßen hier schnell an Grenzen. Was bei anderen als „auffällig“ gilt, kann bei ihnen Teil der Biografie sein. Was wie Demenz wirkt, kann Entwicklung, Trauma, Überforderung oder Umweltreaktion sein.
Diagnostik wird hier zu einem Balanceakt. Zwischen Fachlichkeit und Haltung. Zwischen Struktur und Beziehung. Zwischen Messbarkeit und Bedeutung.
In den letzten Jahren haben sich die diagnostischen Möglichkeiten deutlich weiterentwickelt. Es gibt inzwischen differenzierte, valide Testinstrumente, die speziell für Menschen mit Beeinträchtigung adaptiert oder neu entwickelt wurden. Sie helfen, kognitive Veränderungen genauer einzuordnen, Entwicklungsbesonderheiten von demenziellen Prozessen zu unterscheiden und Diagnostik fairer und sensibler zu gestalten.
Und doch zeigt die Praxis immer wieder: So wichtig Tests auch sind – sie ersetzen keine Beziehung.
Kein Test kann die leise Unsicherheit in einem Blick erfassen. Kein Fragebogen spürt die Sehnsucht nach Sicherheit, Nähe oder Bedeutung. Keine Skala misst das, was zwischen zwei Menschen geschieht, wenn echtes Verstehen möglich wird.
Gerade in der Demenzdiagnostik bei Menschen mit Beeinträchtigung bleibt Beziehung das wichtigste Instrument. Sie ist der Boden, auf dem Diagnostik überhaupt erst Sinn bekommt. Und sie ist der Raum, in dem Validation ihre tiefste Wirkung entfaltet.
Validation ist mehr als eine Methode. Sie ist eine Haltung, ein inneres Ja zum Erleben des Gegenübers. Nicht korrigieren, sondern verstehen.
Nicht erklären, sondern begegnen.
Nicht bewerten, sondern würdigen.
Im Seminar wurde spürbar, dass Validation oft mit Schlüsselwörtern beginnt – und mit innerer Präsenz. Mit dem Mut, sich berühren zu lassen. Mit der Bereitschaft, die Welt des anderen ernst zu nehmen.
Gerade bei Menschen mit Beeinträchtigung wird deutlich, wie wichtig dieser Zugang ist. Denn Sprache ist nicht immer verfügbar. Logik nicht immer zugänglich. Zeit nicht immer linear. Aber Gefühle sind immer da.
Wenn wir beginnen, diese Gefühle zu „lesen“, verändert sich Diagnostik. Sie wird nicht nur ein Instrument zur Abklärung von Defiziten, sondern ein Weg, Sinn zu verstehen.
Die Schlüsselwörter der Validation – Spiegeln, Benennen, Rhythmus, Nähe, Würde, Biografie, Resonanz – sind keine Technik, sondern Türen. Türen in eine Welt, die sonst verschlossen bleibt.
Ein Mensch, der immer wieder dieselbe Frage stellt, sucht vielleicht nicht Information, sondern Sicherheit. Eine Frau, die „nach Hause“ will, sucht vielleicht nicht einen Ort, sondern Zugehörigkeit. Ein Mann, der aggressiv wirkt, zeigt vielleicht nicht Krankheit, sondern Angst.
Demenzdiagnostik bei Menschen mit Beeinträchtigung braucht deshalb mehr als Testverfahren. Sie braucht Zeit. Sie braucht Beziehung. Und sie braucht den Mut, nicht alles sofort erklären zu wollen.
Validation ermöglicht genau das: einen Zugang jenseits der Diagnose. Einen Zugang, der nicht fragt: „Was fehlt?“sondern: „Was will sich zeigen?“
Vielleicht ist das das Wunderbare an der Validation: Sie macht aus Diagnostik keine kalte Messung, sondern eine Begegnung. Sie erinnert uns daran, dass hinter jeder kognitiven Einschränkung ein Mensch steht – mit Geschichte, Würde und innerer Logik.
Und so bleibt am Ende vor allem Dankbarkeit: Danke, liebe Hildegard, für diesen feinen, tiefen und zutiefst menschlichen Zugang zur Validation – für dein Wissen, deine Haltung und für die Erinnerung daran, dass Verstehen immer mit Begegnung beginnt. An diesem Tag war es nicht möglich, alles zu erfassen und in der Tiefe zu erleben – aber meine Begeisterung wurde geweckt, und genau diese innere Bewegung hat mir in am Mittwoch in einer diagnostischen Situationen spürbar geholfen, einer beeinträchtigten Klientin noch achtsamer, feiner und verstehender zu begegnen.
Dieses Seminar "die Weisheit der Demenz von Hildegard Nachum" ist eine klare Empfehlung für alle, die mit Demenz in Berührung sind – für Fachkräfte, Angehörige und Begleiter:innen, die nicht nur „richtig handeln“, sondern Menschen wirklich verstehen wollen.








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