top of page

Die Kunst des Erklärens – Wie wir Aerzt:innen und Andere informieren, ohne jemanden zu beschaemen

  • leyroutz
  • 15. Nov. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt Momente im Alltag mit Demenz, die verlangen Fingerspitzengefühl. Der Arztbesuch gehört fast immer dazu. Einerseits möchte man nichts beschönigen – denn nur wenn Ärzt:innen undauch andere Berufsgruppen wissen, was wirklich los ist, können sie helfen. Andererseits sitzt neben einem ein Mensch, der nicht bloß „Patient“ ist, sondern jemand mit Geschichte, mit Stolz, mit Verletzlichkeit. Und niemand möchte im Wartezimmer oder im Behandlungsraum das Gefühl haben, vorgeführt zu werden.


Ich erlebe in meiner Arbeit oft genau diese Spannung: Wie sage ich, was gesagt werden muss, ohne den anderen bloßzustellen? Wie schütze ich die Würde – und trotzdem die Wahrheit?

Es beginnt schon vor dem Termin. Viele Angehörige tragen Fragen und Sorgen mit sich herum, die sie nicht „einfach so“ im Beisein der betroffenen Person sagen möchten: zunehmende Vergesslichkeit, Verhaltensänderungen, Inkontinenz, nächtliche Unruhe, Gefährdungsmomente im Alltag. Manche Dinge sind so intim, dass man sie nicht laut aussprechen kann, während der andere daneben sitzt.


Eine gute Möglichkeit ist, vorab eine kurze Nachricht an die Ordination zu schreiben – zwei, drei Stichworte reichen oft schon: „Bitte achten Sie auf Orientierung, Stimmung und Medikamentenverträglichkeit.“ Oder: „Die Schlafproblematik hat sich in den letzten Wochen verstärkt.“ So kann gezielt nachfragt werden, ohne jemanden in Verlegenheit zu bringen.

Im Gespräch selbst hilft eine klare innere Haltung: Es geht nicht um Bewertung, sondern um Unterstützung. Wenn man Dinge anspricht, dann in einem Ton, der Schwere nimmt statt sie zu vergrößern. Beispiel: „Uns fällt auf, dass die Orientierung manchmal schwieriger wird – wir möchten einfach sicherstellen, dass wir nichts übersehen.“ Das ist etwas anderes als: „Er weiß ständig nichts mehr.“


Wichtig ist auch, der betroffenen Person immer wieder Raum zu geben. Die eigene Sicht, auch wenn sie bruchstückhaft ist, zählt. Manchmal kommen überraschend klare Sätze, manchmal nur ein Nicken oder ein Blick. All das gehört in dieses Gespräch hinein.

Und dann gibt es diesen feinen Zwischenraum: das Unausgesprochene, die Scham, die Angst, das Gefühl, beobachtet zu werden. Hier entsteht Beziehung. Genau hier wird spürbar, wie viel eine gute Vorbereitung bewirken kann – für alle Beteiligten.


Ich schließe solche Termine meistens mit einem Leitsatz, der mich seit Jahren begleitet: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Auch im Arztzimmer. Aber sie braucht einen Rahmen, der trägt. Einen Rahmen, in dem niemand bloßgestellt wird und jeder verstanden wird – mit dem, was er sagen kann, und auch mit dem, was er nicht aussprechen vermag.


 
 
 

Kommentare


PER E-MAIL ABONNIEREN

Danke für die Nachricht!

© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

bottom of page