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Heute wird es persönlich: Ich bin auf Kur – Freundschaft mit mir selbst

  • leyroutz
  • 2. Okt. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Ich sitze hier auf der Terrasse des Kurhauses, die Herbstsonne blinzelt durch die Wolken, und ich spüre eine ungewohnte Leere. Kein klingelndes Telefon, keine E-Mails, kein Kalender, der mich wie ein Taktstock durch den Tag dirigiert. Stattdessen: Zeit. Zeit nur für mich.

Und genau das fühlt sich überraschend schwer an. Aus dem vollen Alltag herauszufallen ist, als würde man plötzlich in einem anderen Takt tanzen müssen. Wo sonst der Rhythmus von außen kommt, liegt er jetzt in meiner Hand. Die Frage ist: Welchen Takt will ich wählen?

Ich ertappe mich dabei, gleich wieder Pläne zu schmieden, To-do-Listen zu schreiben oder mich nach Sinn und Effizienz umzuschauen. Aber dann höre ich den Satz, den mir eine Freundin mitgegeben hat:

„Sei in dieser Zeit dein bester Freund.“


Und ich frage mich: Wie würde ich mit einer Freundin umgehen, die so eine Auszeit hat? Ich würde ihr raten, langsam zu machen. Ich würde ihr sagen: „Schlaf aus. Trink den Kaffee in Ruhe. Mach einen Spaziergang ohne Ziel. Gönn dir ein gutes Buch, auch wenn du nach zehn Seiten wieder einschläfst. Hör auf, perfekt sein zu wollen.“

Plötzlich weitet sich der Blick. Ich darf ausprobieren, ohne Zweck. Ich darf in mich hineinspüren: Was mag ich? Was brauche ich? Vielleicht ist es genau das, was in meinem Alltag so leicht untergeht.


Kleine Übungen der Freundschaft

Heute habe ich mir bewusst ein schönes Frühstück gegönnt. Kein schnelles „Nebenbei“, sondern hingesetzt, hingeschaut, genossen. Es war nur ein Joghurt mit Früchten, aber es schmeckte anders, weil ich es mir selbst geschenkt habe.

Gestern bin ich einfach losgegangen, ohne Plan, und habe einen kleinen Waldweg entdeckt. Ich stand da, hörte die Vögel und dachte: „Genau hier, in diesem Moment, darf ich sein.“ Solche Kleinigkeiten fühlen sich wie neue Fäden an, aus denen ein Netz der Freundschaft mit mir selbst geknüpft wird.


Die Schleife zur Demenz

Und dann denke ich an meine Arbeit mit Menschen mit Demenz. Wie sehr sie im Alltag darauf angewiesen sind, dass andere diesen freundschaftlichen Blick einnehmen. Dass jemand sagt: „Es ist in Ordnung, wenn du heute länger schläfst. Es ist gut, wenn du einfach da sitzt und schaust. Ich sorge dafür, dass du dich sicher fühlst.“

Angehörige übernehmen oft genau diese Rolle – sie sind Freund, Halt und Orientierung zugleich. Und doch: Wer hält diesen Platz für die Angehörigen frei? Wer erinnert sie daran, auch mit sich selbst freundlich umzugehen?

Vielleicht ist das die leise Botschaft dieser Kur: Nur wenn ich lerne, mir selbst eine gute Freundin zu sein, habe ich die Kraft, auch für andere in diesem Geist da zu sein. Freundschaft fängt also nicht „außen“ an – sondern immer auch bei mir.


Kleine Reflexionsübung für Angehörige

Nimm dir heute fünf Minuten und beantworte für dich diese drei Fragen – vielleicht schriftlich:

  1. Wenn meine beste Freundin/mein bester Freund an meiner Stelle wäre – was würde ich ihr/ihm raten?

  2. Was könnte mir heute guttun, auch wenn es nur etwas Kleines ist?

  3. Wie kann ich mir selbst in dieser Situation ein guter Freund sein?

Manchmal reicht schon eine kleine Geste – ein bewusst getrunkenes Glas Wasser, eine Minute tief durchatmen, ein paar Schritte ins Freie – um sich selbst wieder ein Stück näher zu kommen.


 
 
 

1 Kommentar


christiane.scheiber
03. Okt. 2025

Liebe Christine, das hast du sehr treffend geschrieben. Ich war vor Jahren auch auf Kur und hatte ähnliche Gedanken.

Auf einmal das nichts tun, für niemanden verantwortlich zu sein... ein komisches Gefühl!

Und trotzdem tat es sehr gut...,aber erst als ich begriffen hatte: " AUCH ICH MUSS NICHT IMMER FUNKTIONIEREN!"

Ich wünsche dir eine schöne Auszeit und genieße es.

LG. Christiane

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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