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Kur und Demenz – die Kunst, sich selbst zu genügen

  • leyroutz
  • 3. Okt. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Ich sitze im Kurhaus und starre auf den Terminkalender: Massagen, Anwendungen, Spaziergänge, Essenszeiten. Alles ist geregelt – und trotzdem ist da plötzlich unglaublich viel Zeit. Zeit, in der niemand etwas von mir will. Keine Fragen, keine Entscheidungen, keine E-Mails, kein „Kannst du schnell noch …?“.


Und genau da beginnt für mich die eigentliche Herausforderung. Denn wer gewohnt ist, gebraucht zu werden, ständig in Beziehung, ständig in Verantwortung zu stehen, spürt plötzlich die Leere. Diese Leere ist erst fremd, beinahe bedrohlich. Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Wenn ich nur für mich selbst da bin?


Die große Frage taucht auf: Was mag ich eigentlich, wenn niemand außer mir selbst eine Antwort erwartet? Mag ich den Kaffee am Balkon länger auskosten? Mag ich einen Spaziergang ohne Ziel? Mag ich mich einfach hinlegen und den Wolken zusehen? Es sind kleine Dinge – und doch ungewohnt. Denn wenn man so lange im „Für-andere-da-Sein“ gelebt hat, ist es fast eine Kunst, den eigenen Geschmack, die eigenen Vorlieben wieder zu entdecken.

Und dann die zweite, noch tiefere Ebene: Kann ich genießen, auch wenn ich nicht gebraucht werde? Nicht gebraucht zu werden bedeutet nicht wertlos zu sein. Es bedeutet, sich selbst genug zu sein. Dieses „einfach da sein“ – ohne Aufgabe, ohne Rolle – ist vielleicht das Schwerste und zugleich das Kostbarste, was man üben kann.


Genau hier spüre ich die Verbindung zu meinen Begegnungen mit Demenz.Auch Angehörige berichten mir oft: „Ich werde gar nicht mehr so gebraucht wie früher. Er erkennt mich nicht mehr, fragt nicht nach mir, braucht mich nicht in der alten Form.“Und gleichzeitig bleibt da die Einladung, die gemeinsame Zeit zu genießen – ohne Funktion, ohne klare Aufgabe. Einfach im Moment sein. Ein Lächeln teilen. Einen Blick. Musik hören. Hand in Hand sitzen.

Vielleicht ist das die eigentliche Essenz – ob auf Kur oder im Demenzalltag: Sich selbst wiederzufinden, wenn die Rollen wegfallen. Den Genuss nicht vom „Gebrauchtwerden“ abhängig machen, sondern vom „Dasein“.

Es ist ein stilles, leises Lernen. Und vielleicht genau das, was uns im tiefsten Sinn nährt.



 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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