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Wenn das Gedaechtnis Pause macht – aber das Herz weiterspricht

  • leyroutz
  • 20. Okt. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt diese Momente, in denen Worte verschwinden. Ein Satz bleibt unvollendet, ein Name liegt auf der Zunge und löst sich im Nichts auf. Dann entsteht Stille – eine, die für Außenstehende manchmal schwer zu ertragen ist. Aber vielleicht ist es genau diese Stille, in der sich etwas anderes zeigt: das, was jenseits der Sprache wirkt.


Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass Menschen mit Demenz etwas ausdrücken, ohne ein einziges Wort zu sagen. Ein Blick, der länger verweilt.Eine Hand, die sucht. Ein Lächeln, das sich wie Erinnerung anfühlt. Und plötzlich wird klar: Das Herz spricht weiter, auch wenn das Gedächtnis schweigt.


Wenn Sprache sich verändert, bleibt oft die Stimmung als Botschaft zurück. Manchmal ist sie zärtlich, manchmal unruhig oder traurig. Wer gelernt hat, zwischen diesen leisen Signalen zu lesen, versteht, dass Kommunikation nicht endet, sondern sich nur verwandelt. Es geht weniger darum, was gesagt wird – sondern darum, was gefühlt wird, wenn wir miteinander sind.

Für Angehörige ist das oft nicht leicht. Sie wünschen sich die alten Gespräche zurück, das gemeinsame Lachen, die Sicherheit, verstanden zu werden. Doch je mehr die Krankheit voranschreitet, desto wichtiger wird eine andere Form der Verbindung: durch Präsenz, Berührung, Stimme und Blickkontakt. Ein Summen, ein vertrauter Duft, ein gemeinsames Ritual – all das kann Brücken bauen, wenn Worte bröckeln.


Das Herz vergisst nicht

Aus neuropsychologischer Sicht ist das kein Zufall. Auch wenn das deklarative Gedächtnis – also das bewusste Erinnern von Fakten und Ereignissen – im Verlauf der Demenz nachlässt, bleiben emotionale Erinnerungen erstaunlich stabil. Gefühle werden im limbischen System verarbeitet, einem Teil des Gehirns, der lange aktiv bleibt. Das bedeutet: Ein Mensch der an Demenz erkrankt ist mag vielleicht nicht mehr wissen, wer ihn umarmt – aber er spürt, dass er sich geborgen fühlt. Er erinnert sich nicht an den Grund, aber an das Gefühl.

Diese emotionale Spur ist es, die Begegnungen bedeutsam macht, selbst wenn Worte fehlen. Sie erklärt, warum eine vertraute Stimme beruhigen kann, warum Musik aus der Jugend plötzlich Freude auslöst oder warum eine Hand auf der Schulter Sicherheit schenkt. Das Herz erkennt, was der Verstand verloren hat.


Schlussgedanke

Wenn das Gedächtnis Pause macht, dürfen wir lernen, mit dem Herzen zuzuhören. Nicht jedes Gespräch braucht Sprache, nicht jedes Verstehen braucht Worte. Und vielleicht liegt genau darin das Menschlichste, was wir einander schenken können: ein Gefühl, das bleibt – auch dann, wenn Erinnerung vergeht.



 
 
 

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© 2021 Christine Leyroutz - Alle Fotos von Fotografie_Lebzelt

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